February 11, 2026

Haftung bei Fehlfunktionen: Sicherheitshinweise für Maker

Haftung bei Fehlfunktionen ist für Maker, Bastlerinnen und kleine Werkstätten in Deutschland kein Randthema – selbst dann nicht, wenn Projekte „nur“ im Hobbykeller entstehen. Sobald ein Gerät, ein Sensor oder eine selbst gebaute Steuerung in fremde Hände gelangt, können aus einem harmlosen Fehler schnell reale Schäden werden: ein überhitzter Akku, ein klemmendes Relais, ein falsch dimensionierter Widerstand oder ein Software-Bug, der einen Motor unkontrolliert anlaufen lässt. Wer solche Projekte verschenkt, verkauft oder im Rahmen eines Vereins, Workshops oder einer Kleinserie weitergibt, sollte Grundbegriffe zu Produkthaftung, Produktsicherheit und allgemeinen Sorgfaltspflichten kennen. Dieser Artikel erklärt leicht verständlich, wann rechtliche Verantwortung typischerweise ins Spiel kommt, welche praktischen Sicherheitsmaßnahmen die Risiken deutlich reduzieren und wie man mit Dokumentation, Tests und klaren Hinweisen professioneller auftritt – ohne den Maker-Spirit zu verlieren.

Was bedeutet „Haftung“ im Maker-Kontext?

Im Alltag wird „Haftung“ oft als Sammelbegriff genutzt. Juristisch betrachtet können verschiedene Anspruchsgrundlagen relevant werden – je nach Situation, Schaden und Rolle (Hersteller, Verkäufer, Betreiber). Für Maker sind vor allem drei Ebenen wichtig:

  • Deliktische Haftung: Wer schuldhaft Leben, Körper, Gesundheit oder Eigentum verletzt, kann auf Schadensersatz in Anspruch genommen werden. Ein zentraler Anknüpfungspunkt ist die allgemeine Schadensersatzpflicht im Bürgerlichen Gesetzbuch, z. B. § 823 BGB. Schadensersatzpflicht nach § 823 BGB
  • Produkthaftung: Wer als „Hersteller“ gilt, kann bei fehlerhaften Produkten auch ohne eigenes Verschulden haften. Grundlage ist das Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG). Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) im Überblick
  • Vertragliche Haftung / Gewährleistung: Beim Verkauf kommen zusätzlich Regeln zu Mängeln, Rücktritt, Nacherfüllung und Schadensersatz hinzu. Diese Ebene hängt stark davon ab, ob privat oder gewerblich verkauft wird und welche Zusagen gemacht wurden.

Wann wird man „Hersteller“ – auch ohne eigenes Branding?

Viele Maker unterschätzen, wie schnell man rechtlich als Hersteller eingeordnet werden kann. Im Kern geht es nicht nur um große Marken, sondern um die Person oder Organisation, die ein Produkt in Verkehr bringt. Das ProdHaftG knüpft an die Herstellerverantwortung an und verpflichtet bei Schäden durch einen Produktfehler grundsätzlich zum Ersatz. § 1 ProdHaftG (Haftung bei Fehlern) Entscheidend ist weniger, ob ein Gerät „professionell“ aussieht, sondern ob es als Produkt bereitgestellt wird – etwa durch Verkauf, Kleinserie, Workshop-Bausatz oder entgeltliche Reparatur mit Umbau.

Typische Maker-Szenarien, die rechtlich relevant werden können:

  • Verkauf von DIY-Sets, Platinen oder fertig montierten Modulen über Kleinanzeigen oder Shop
  • Weitergabe von Geräten an Freunde/Nachbarn, wenn dabei sicherheitsrelevante Funktionen betroffen sind (z. B. Netzspannung, Akkus, Heizung)
  • Einbau in Kundenprojekte (z. B. „Ich baue dir den Garagentor-Controller ein“)
  • Nutzung im öffentlichen Raum oder bei Veranstaltungen (z. B. Wearables, Installationen, Maker-Faires)

Was ist ein „Fehler“ im Sinne der Produkthaftung?

Ein Produktfehler liegt nicht nur bei „kaputt“ vor. Juristisch geht es um die Sicherheit, die berechtigterweise erwartet werden kann. Das ProdHaftG beschreibt den Fehlerbegriff über das Sicherheitsniveau des Produkts. § 3 ProdHaftG (Fehlerbegriff) Für Maker heißt das: Auch ein Gerät, das meistens funktioniert, kann „fehlerhaft“ sein, wenn typische Risiken nicht ausreichend beherrscht werden oder Warnhinweise fehlen.

Hobby vs. gewerblich: Wo liegt in Deutschland der praktische Unterschied?

Ob etwas „privat“ oder „gewerblich“ ist, entscheidet sich nicht am Gefühl, sondern an objektiven Kriterien: Regelmäßigkeit, Gewinnerzielungsabsicht, Auftreten nach außen, Stückzahlen, Einkauf/Weiterverkauf. Gewerbliches Handeln führt in der Praxis zu höheren Erwartungen an Organisation, Prüfungen, Dokumentation und Kundenkommunikation. Auch wenn man „nur nebenbei“ verkauft, können Pflichten aus Produktsicherheit und Verbraucherrecht greifen.

Für die Risikobetrachtung ist daher eine Faustregel hilfreich: Je mehr dein Projekt wie ein Produkt wirkt (Serienfertigung, Preis, Produktseite, Versand), desto eher solltest du es auch wie ein Produkt behandeln – inklusive sicherer Konstruktion, reproduzierbarer Fertigung und sauberer Anleitung.

Produktsicherheit: Warum Warnhinweise allein nicht reichen

Neben Haftungsregeln spielt die Produktsicherheit eine große Rolle. In der EU ist der Sicherheitsrahmen u. a. über die Allgemeine Produktsicherheitsverordnung (GPSR) modernisiert worden. Verordnung (EU) 2023/988 (Allgemeine Produktsicherheit) Für Maker ist die Kernaussage simpel: Ein Produkt muss bei normaler oder vernünftigerweise vorhersehbarer Verwendung sicher sein. Warnhinweise sind wichtig, ersetzen aber nicht eine sichere Konstruktion.

Gute Praxis ist eine Kombination aus technischen Schutzmaßnahmen (z. B. Sicherungen, Temperaturüberwachung, Strombegrenzung) und organisatorischen Maßnahmen (z. B. klare Anleitung, Einsatzgrenzen, Wartungshinweise).

Typische Fehlerquellen, die zu Schäden führen

  • Überstrom / Kurzschluss: fehlende Sicherung, falsche Leiterbahnbreiten, unzureichende Steckverbinder
  • Thermische Probleme: Linearregler ohne Wärmeabfuhr, Li-Ion/LiPo-Laden ohne Schutz, fehlende Temperaturabschaltung
  • Netzspannung: unzulässige Abstände, fehlende Schutzisolation, falsche Relais- oder SSR-Auswahl
  • Mechanik: scharfe Kanten, nicht entlastete Kabel, mangelhafte Gehäuseführung
  • Software/Logik: Watchdog fehlt, undefinierte Zustände beim Boot, falsches Fehlermanagement
  • EMV/Störungen: Resets durch Störspitzen, Fehltrigger an Eingängen, unklare Masseführung

Sicherheitsprinzipien für Maker: So reduzierst du Haftungsrisiken praktisch

Technische Schutzmaßnahmen, die sich in Mini-Projekten bewährt haben

  • Sicherung oder PTC nahe der Stromquelle: schützt bei Kurzschluss und Kabelbruch
  • Verpolschutz (Diode oder idealer MOSFET): verhindert Schäden durch falsches Anschließen
  • Strombegrenzung bei Motoren/LEDs: vermeidet Überlast von Reglern und Leiterbahnen
  • Unterspannungsschutz für Li-Ion/LiPo: verhindert Tiefentladung und Folgeschäden
  • Thermisches Design: Regler-Derating, Kupferflächen, Abstand zu wärmeempfindlichen Bauteilen
  • Fail-Safe-Defaults: Relais aus, Motor stoppt, Ausgänge definiert, wenn Controller rebootet
  • Watchdog und Brown-out-Detection: reduziert Hänger und undefiniertes Verhalten bei Spannungseinbrüchen

Organisatorische Maßnahmen: Dokumentation ist auch Sicherheit

Dokumentation wirkt wie „Papierkram“, ist aber in der Praxis ein Sicherheitswerkzeug: Sie zwingt dich, Annahmen zu prüfen, und hilft später bei Fehlersuche, Rückruf oder Reparatur. Sinnvolle Bausteine:

  • Stückliste (BOM) mit kritischen Spezifikationen (Spannungsfestigkeit, Temperaturbereich, Strom)
  • Schaltplan + Layout-Revisionen mit Änderungsnotizen
  • Testprotokolle: Was wurde geprüft? Mit welchen Grenzwerten? Welche Seriennummer?
  • Risikohinweise: Einsatzgrenzen, Umgebungsbedingungen, zulässige Netzteile/Akkus
  • Montage- und Bedienanleitung in klarer Sprache, inklusive Warnsymbolik

Hinweise, Warnungen und „Disclaimer“: Was ist sinnvoll, was ist trügerisch?

Ein Satz wie „Benutzung auf eigene Gefahr“ kann Erwartungen beeinflussen, ersetzt aber keine Sicherheitsmaßnahmen. Besser ist: konkret statt pauschal. Gute Hinweise sind prüfbar und handlungsorientiert, z. B. „Nur mit Netzteilen 5 V DC, mindestens 1 A, SELV“ oder „Akkus nur mit Schutzschaltung (PCM/BMS) verwenden“. Pauschale Haftungsausschlüsse können zudem rechtlich begrenzt sein – insbesondere im Verbraucherbereich.

Praxis-Tipp: Formuliere Warnhinweise nach dem Muster Gefahr – Ursache – Folge – Maßnahme. Beispiel: „Achtung: Kurzschlussgefahr am Akkuanschluss. Bei Kurzschluss kann der Akku stark erhitzen. Anschluss nur im spannungsfreien Zustand vornehmen und Leitung absichern.“

CE, Funk, Akku, Netzspannung: Wann wird es besonders heikel?

Bestimmte Bereiche erhöhen die Anforderungen deutlich – nicht, weil Maker dort „verboten“ wären, sondern weil das Schadenspotenzial hoch ist und zusätzliche Regeln greifen können:

  • Funkmodule: Je nach Gerätetyp können Funkvorschriften und Konformitätsanforderungen relevant werden.
  • Netzbetrieb (230 V): Hier sind Schutzmaßnahmen, Kriech-/Luftstrecken, Isolationskonzepte und geeignete Gehäuse entscheidend.
  • Li-Ion/LiPo: Lade- und Schutzkonzepte, Temperatur, Tiefentladung – Fehler können zu Brandereignissen führen.
  • Elektro-Altgeräte / Registrierung: Wer elektrische Geräte gewerblich in Verkehr bringt, sollte prüfen, ob Pflichten nach ElektroG (WEEE) und Registrierung über die stiftung ear relevant sind. Informationen der stiftung ear (ElektroG/WEEE)

Prüfen statt hoffen: Ein realistischer Test-Ansatz für Kleinserien

Viele Probleme entstehen nicht im Labor, sondern bei Temperaturwechsel, wackeligen Steckern oder leeren Akkus. Ein sinnvoller, maker-tauglicher Testplan muss nicht teuer sein, sollte aber typische Belastungen abdecken:

  • Versorgungstest: Minimal-/Maximalspannung, Brown-out-Szenarien, Ripple, Verpolung
  • Lasttest: Worst-Case-Strom, Einschaltstrom, Dauerbetrieb, thermische Messung am Regler
  • Fehlerszenarien: Sensor abziehen, Leitung bricht, I2C hängt, Reset während Schaltvorgang
  • Umwelt: Temperatur (kalt/warm), Vibration (Transport), Feuchte (Kondensation vermeiden)
  • Software-Robustheit: Watchdog, Timeout-Strategien, sichere Default-Zustände

Rechenbeispiel: Warum Schutzwiderstände und Sicherungen so viel bringen

Gerade bei Akkus und leistungsstarken LEDs ist Strombegrenzung ein zentraler Sicherheitsfaktor. Ein einfaches Beispiel zeigt, wie schnell Ströme aus dem Ruder laufen. Angenommen, eine LED soll aus einer 5-V-Versorgung betrieben werden, die LED-Spannung liegt bei 2,0 V. Ohne passenden Widerstand kann der Strom gefährlich ansteigen. Mit Ohmschem Gesetz lässt sich der Vorwiderstand grob abschätzen:

R = UULED I

Wenn du z. B. 20 mA anpeilst, ergibt sich:

R= 52 0.02 =150 Ω

Solche einfachen Abschätzungen verhindern nicht nur LED-Ausfälle, sondern reduzieren auch thermische Last auf Reglern und Leiterbahnen – ein direkter Beitrag zu Sicherheit und Zuverlässigkeit.

Wenn doch etwas passiert: Was Maker vorbereitet haben sollten

Trotz guter Planung kann es zu Ausfällen kommen. Dann hilft eine strukturierte Vorgehensweise, um Schaden zu begrenzen und professionell zu reagieren:

  • Rückverfolgbarkeit: Seriennummer, Produktionscharge, verwendete Bauteile
  • Fehleranalyse: reproduzierbare Beschreibung, Messwerte, Fotos, Log-Ausgaben
  • Kommunikation: klare Sicherheitshinweise („Gerät sofort vom Akku trennen“), keine Bagatellisierung
  • Abhilfe: Reparatur, Austausch, Firmware-Update, ggf. Rückruf der betroffenen Charge

Wer solche Punkte bereits im Prozess verankert, reduziert nicht nur Risiken, sondern spart im Ernstfall Zeit und Nerven.

Kurze Checkliste: Sicherheits- und Haftungsdenken in den Maker-Alltag integrieren

  • Ist der Worst Case (Kurzschluss, Verpolung, Ausfall) konstruktiv abgefangen?
  • Gibt es Strombegrenzung, Sicherung und Unterspannungsschutz wo sinnvoll?
  • Startet das System nach Reset in einen sicheren Zustand?
  • Existieren klare Einsatzgrenzen (Spannung, Temperatur, Umgebung, Zuladung/Last)?
  • Sind Anleitung und Warnhinweise konkret (Ursache, Folge, Maßnahme) statt pauschal?
  • Gibt es Testprotokolle und eine einfache Rückverfolgbarkeit (Revision/Charge)?
  • Wurden bei „kritischen Bereichen“ (Funk, Netz, Li-Ion) die relevanten Regeln geprüft, z. B. über GPSR und die Grundlagen der Produkthaftung?

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