Assured Forwarding (AF) ist in DiffServ-Netzen die typische QoS-Markierung, wenn Video bevorzugt, aber nicht so „hart“ wie Voice behandelt werden soll. Genau deshalb stellt sich in vielen Telco- und Enterprise-Designs die Frage: Welche AF-Klasse passt für Video – AF41, AF42, AF31 oder doch etwas ganz anderes? Die Antwort hängt weniger von der Zahl im DSCP-Feld ab als vom gewünschten Verhalten bei Engpässen: Video braucht meist garantierte Ressourcen, kontrollierte Warteschlangen und möglichst wenige Drop-Cluster, darf aber Voice (EF) nicht verdrängen. Gleichzeitig ist Video nicht gleich Video: Interaktives Konferenzvideo (Teams/Zoom/WebRTC) reagiert anders als IPTV/Multicast oder adaptives Streaming (HLS/DASH). Ein professionelles AF-Design für Video verbindet daher drei Ebenen: die Auswahl einer passenden AF-Klasse (und ggf. Drop Precedence), die Abbildung auf echte Queues und Scheduler (Weighted statt Strict Priority) sowie Profilierung/Shaping, um Microbursts und Policer-Drops zu vermeiden. Dieser Artikel erklärt Assured Forwarding für Video leicht verständlich, zeigt, welche AF-Klasse in der Praxis häufig passt, wie Sie AF sinnvoll in ein Telco-Klassenmodell integrieren und welche Fehler Sie vermeiden sollten, damit Videoqualität stabil bleibt – ohne Ihr Netz operativ zu überfrachten.
Was bedeutet Assured Forwarding (AF) in DiffServ?
Assured Forwarding ist ein DiffServ-Konzept, bei dem Verkehr in Klassen eingeteilt wird, die bei Congestion eine „gesicherte“ Behandlung erhalten – typischerweise über gewichtete Queues und definierte Drop-Strategien. AF ist damit ideal für Verkehr, der wichtiger als Best Effort ist, aber nicht die extrem strenge Echtzeitbehandlung von EF (Expedited Forwarding) braucht.
- AF-Klasse: definiert die „Gruppe“ bzw. Serviceklasse (z. B. AF4x, AF3x, AF2x, AF1x).
- Drop Precedence: innerhalb einer Klasse gibt es drei Abstufungen (x1, x2, x3), die ausdrücken, wie früh ein Paket bei Überlast verworfen werden darf.
- Ziel: planbare Behandlung unter Last, ohne Strict-Priority-Risiko.
Für Video bedeutet das: Sie können Video in eine AF-Klasse legen, die Bandbreitenanteile garantiert und bei Überlast so „dropt“, dass die wichtigsten Videoanteile besser geschützt sind als weniger wichtige.
Warum Video typischerweise in AF gehört – und nicht in EF
Viele QoS-Probleme entstehen durch falsch platzierte Video-Priorität. Video ist bandbreitenstark und schwankt – besonders bei Meetings, Screen Sharing oder variabler Auflösung. Wenn Video in EF/Real-Time-Class landet, kann es die Priority-Queue auffüllen und andere Klassen verdrängen. Das kann sogar Voice verschlechtern.
- Voice (EF): klein, konstant, extrem sensitiv – strict priority mit Limit ist sinnvoll.
- Video (AF): groß, variabel – bevorzugt, aber gewichtet und kontrolliert.
AF ist also der „Sweet Spot“ für Video: bevorzugt, aber ohne die Risiken einer unkontrollierten Strict-Priority-Behandlung.
Video ist nicht gleich Video: Welche Videoart bestimmt die AF-Wahl
Bevor Sie eine AF-Klasse auswählen, müssen Sie den Video-Typ sauber einordnen, weil die Anforderungen unterschiedlich sind:
- Interaktives Video (Meetings/WebRTC/UC): niedrige Latenz und niedriger Jitter sind wichtig, Verlust muss gering sein, Bitrate ist variabel.
- IPTV/Managed Video (oft UDP/Multicast): besonders verlustsensibel, konstante Profile, Retransmits helfen kaum.
- OTT-Streaming (HLS/DASH über TCP): toleriert Latenz eher, reagiert aber stark auf Durchsatzinstabilität und Drop-Cluster (Buffering/Downshift).
Die Konsequenz: Interaktives Video verdient in der Regel eine höhere AF-Klasse als Streaming. IPTV verdient eine sehr verlustarme Behandlung, oft ebenfalls in einer hohen AF-Klasse, aber mit eigener Drop- und Shaping-Strategie.
AF-Grundlogik: Klasse wählen, Drop Precedence festlegen, Queue definieren
Ein häufiger Irrtum ist, AF „als Zahl“ zu betrachten. In der Praxis ist AF nur dann sinnvoll, wenn Sie drei Dinge zusammen definieren:
- Welche AF-Klasse? (z. B. AF4x oder AF3x)
- Welche Drop Precedence? (x1/x2/x3 als Drop-Priorität innerhalb der Klasse)
- Welche Queue- und Scheduler-Behandlung? (gewichtete Bandbreite, Queue-Limits, ggf. WRED/Early Drop für Best Effort)
Ohne Queue- und Drop-Design bleibt AF eine Markierung ohne Wirkung.
Welche AF-Klasse passt für Video? Praxisnahe Auswahlregeln
In vielen Telco- und Enterprise-Designs haben sich einfache Entscheidungsregeln bewährt. Wichtig: Es gibt kein universelles „richtig“ – aber es gibt klare Muster, die zuverlässig funktionieren.
AF4x: „High Priority Video“ für interaktives Video
AF4x wird häufig genutzt, wenn Video deutlich über Best Effort liegen soll und Sie für Meetings/UC eine bevorzugte Behandlung mit garantierten Anteilen planen. Typische Einsatzfälle:
- Unified Communications Video (Teams/Zoom/WebRTC), wenn Audio separat in EF geschützt ist.
- Interaktive Telepresence oder geschäftskritische Videokonferenzen.
- Provider-Managed Video Services in Business-Produkten.
AF4x ist sinnvoll, wenn Sie Video als Premium-Interaktivdienst anbieten. Entscheidend bleibt: Video wird gewichtet, nicht strict-priority.
AF3x: „Business Video“ oder „kritische Daten“ – wenn Video wichtig, aber nicht Premium ist
AF3x eignet sich häufig, wenn Sie Video zwar bevorzugen möchten, aber es nicht ganz oben im Klassenmodell stehen soll – etwa, weil Sie eine separate Klasse für IPTV oder andere kritische Dienste betreiben, oder weil Sie Video in „Business“-Profile integrieren.
- Standard-UC-Video ohne Premium-SLA, aber oberhalb von Best Effort.
- Video in gemischten Business-Profilen, wenn Sie die Anzahl der Klassen klein halten wollen.
AF2x/AF1x: eher für „wichtig, aber nicht zeitkritisch“
AF2x/AF1x sind für Video nur dann sinnvoll, wenn Sie bewusst eine niedrigere Priorität wählen, z. B. für weniger kritisches Streaming oder wenn Ihr Netz nur sehr wenige echte Klassen unterstützt und Sie Video nicht zu weit oben platzieren möchten.
Drop Precedence (x1/x2/x3): Wie Sie Video innerhalb der AF-Klasse schützen
Der große Vorteil von AF ist, dass Sie innerhalb einer Klasse unterschiedliche Drop-Prioritäten abbilden können. In der Theorie können Sie so „wichtigere“ Videopakete besser schützen als „weniger wichtige“. In der Praxis wird Drop Precedence häufig genutzt, um Überschussverkehr zu markieren und bei Congestion bevorzugt zu verwerfen.
- x1: niedrigste Drop-Wahrscheinlichkeit innerhalb der Klasse (am besten geschützt).
- x2: mittlere Drop-Wahrscheinlichkeit.
- x3: höchste Drop-Wahrscheinlichkeit (am ehesten zu verwerfen).
Ein praxistauglicher Ansatz ist: „In-Profile“ Video bekommt x1, „Out-of-Profile“ Video wird auf x2 oder x3 remarkt. Damit können Sie Bursts zulassen, aber bei Überlast gezielt den Überschuss abschneiden, statt die gesamte Videoklasse zu beschädigen.
AF und Queueing: Ohne Weighted Scheduling kein stabiles Video
Videoqualität hängt stark davon ab, wie Warteschlangen und Scheduling umgesetzt sind. Für Video ist das Ziel nicht „immer zuerst“, sondern „stabil genug“. Deshalb ist eine gewichtete Behandlung typisch.
- CBWFQ/WFQ: Video bekommt einen garantierten Anteil (Minimum), kann bei freier Kapazität mehr nutzen.
- Queue-Limits: Video-Queues dürfen nicht riesig sein, sonst steigt Latenz/Jitter und UC-Plattformen reagieren mit Downshift.
- Drop-Strategie: Bei Best Effort kann kontrolliertes Early Drop sinnvoll sein, bei interaktivem Video ist Drop-Minimierung wichtiger.
Die wichtigste Regel für die Praxis: Audio/Voice bekommt die strengste Echtzeitbehandlung (EF), Video bekommt garantierte Ressourcen (AF) – und Best Effort wird so kontrolliert, dass es nicht das gesamte Latenzbudget dominiert.
AF in Telco-Netzen: Mapping zu CoS und MPLS-TC/EXP
In Provider-Netzen läuft Video häufig über mehrere Domänen: Ethernet-Access, Metro-Aggregation und MPLS/SR-Core. Damit AF wirklich wirkt, muss das Mapping konsistent sein.
- Ethernet/CoS: In L2-Segmenten wird oft nach CoS/802.1p gequeued; AF muss sauber auf CoS gemappt werden.
- MPLS-TC/EXP: Im MPLS/SR-Core entscheidet häufig TC über die Queue; AF muss am PE korrekt in TC übersetzt werden.
- End-to-End-Konsistenz: Eine AF-Klasse, die im Access „Premium“ ist, darf im Core nicht in Best Effort fallen.
Ein häufiger Fehler ist, AF am Edge korrekt zu markieren, aber im Core nicht korrekt zu behandeln. Dann ist Video bei Congestion trotzdem instabil – und niemand versteht warum, weil „DSCP doch stimmt“.
Policing und Shaping: Wie Sie Video-Bursts kontrollieren, ohne es zu zerstören
Video ist bursty. Harte Policer können Drop-Cluster erzeugen, die Meetings und Streams sichtbar beschädigen. In vielen Designs ist Shaping am Egress die bessere Wahl.
- Shaping: glättet Verkehr, reduziert Drop-Spitzen, stabilisiert Jitter.
- Policing: setzt harte Grenzen; sinnvoll für Fairness und Missbrauchsschutz, aber riskant für interaktives Video.
- Remarking: Überschuss-Video kann auf eine höhere Drop Precedence (x2/x3) heruntergestuft werden, statt sofort zu droppen.
Für Video in AF gilt daher häufig: Profilieren ja, aber bevorzugt über Shaping und Drop-Precedence-Mechanik statt über harte Drops.
Konkrete Entscheidungshilfe: Welche AF-Klasse passt in Ihrem QoS-Blueprint?
- Sie haben UC/Meetings als Premium-Service: Video in AF4x, Audio in EF, Signalisierung separat.
- Sie wollen Video „besser als Best Effort“, aber nicht Premium: Video in AF3x, Audio in EF.
- Sie haben IPTV/Managed Video: eigene AF-Klasse oder separates Profil mit sehr niedriger Drop-Rate; interaktives Video separat behandeln.
- Sie wollen möglichst wenige Klassen: Video und Content zusammen in einer AF-Klasse, aber Audio strikt getrennt in EF.
Die Hauptentscheidung ist also weniger „AF41 oder AF31“, sondern: Welche Priorität bekommt interaktives Video im Verhältnis zu Business, IPTV und Best Effort – und können Sie das operativ als Standardklasse durchhalten?
Häufige Fehler bei AF für Video
- Video in EF: überflutet die Real-Time Class, verschlechtert Voice und destabilisiert das Netz.
- AF ohne echte Queue-Behandlung: Markierung ist gesetzt, aber Geräte mappen AF nicht auf eigene Queues.
- Zu große Video-Queues: Bufferbloat erzeugt Latenz und Jitter; UC-Plattformen reagieren mit Downshift.
- Harte Policer auf Video: Drop-Cluster führen zu Freezes und massiven Qualitätswechseln.
- Inkonsistentes Mapping: AF wird an Übergängen zu CoS/TC falsch übersetzt und verliert Priorität im Core.
- Keine Profilierung: Premium-Video kann „ausufern“ und andere Klassen verdrängen.
Monitoring: So prüfen Sie, ob Ihre AF-Videoklasse wirklich stabil ist
Damit AF für Video nicht nur „theoretisch“ funktioniert, sollten Sie im Betrieb Klassenmetriken auswerten:
- Queue-Drops in der Video-AF-Klasse: Drops sollten selten sein; Drop-Cluster sind besonders kritisch.
- Queue-Depth/Queueing Delay: zeigt Bufferbloat und Jitter-Risiko.
- Policer-Hits und Remarking: zeigt, ob Video regelmäßig aus dem Profil läuft.
- QoE-Indikatoren: Freeze-Events, Bitrate-Switches, Framerate-Einbrüche (bei UC/Streaming-Analytics).
Wenn Video ruckelt, obwohl „genug Bandbreite“ da ist, ist die Ursache oft Queueing Delay oder Microburst-bedingte Drops – genau hier liefern Queue-Depth und Drops pro Klasse den schnellsten Hinweis.
Best Practices: AF für Video als stabile Umsetzung
- Audio strikt in EF: Voice Media bekommt die Real-Time Class, nicht Video.
- Video in AF mit Gewichtung: AF4x für Premium-UC-Video, AF3x für „Business Video“ – je nach Portfolio.
- Drop Precedence nutzen: In-Profile x1, Überschuss x2/x3; so schützen Sie Kernqualität.
- Shaping an Engpässen: Drop-Cluster vermeiden, Microbursts glätten.
- Mapping end-to-end: DSCP → CoS → MPLS-TC konsistent in Access, Metro und Core.
- Trust Boundary definieren: Markierungen nur kontrolliert akzeptieren, sonst Premium-Inflation.
- Monitoring auf Klassenebene: Drops, Queue-Depth, Remarking als Standard-KPIs.
Häufige Fragen: AF41, AF42 oder AF31 – was soll ich nehmen?
Ist AF41 automatisch „richtig“ für Video?
Nicht automatisch. AF41 ist häufig eine gute Wahl für interaktives Premium-Video, weil es in vielen Klassenmodellen als „hoch priorisiertes Video“ vorgesehen ist. Entscheidend ist jedoch, wie Ihre Queues und Gewichte definiert sind. Ein schlecht gemapptes AF41 ist schlechter als ein sauber betriebenes AF31.
Wann nutze ich AFx2 oder AFx3?
Wenn Sie Drop Precedence aktiv als Steuerinstrument nutzen: Überschussverkehr oder weniger wichtige Videoströme werden auf x2/x3 gesetzt, damit bei Congestion zuerst dieser Anteil verworfen wird. Das ist besonders hilfreich, um Bursts zuzulassen, ohne die gesamte Videoklasse zu ruinieren.
Kann ich interaktives Video und IPTV in dieselbe AF-Klasse legen?
Das kann funktionieren, ist aber riskant, weil IPTV oft extrem verlustsensibel ist und ein anderes Lastprofil hat. Wenn Sie IPTV als Produkt mit SLA betreiben, ist eine separate Behandlung oder zumindest ein separates Profil innerhalb Ihrer QoS-Strategie meist die stabilere Wahl.

