Aufstriche dünn, Abstriche dick: Das wichtigste Prinzip einfach erklärt

„Aufstriche dünn, Abstriche dick“ ist das wichtigste Prinzip im Brush Lettering und in vielen modernen Kalligrafie-Stilen – und gleichzeitig der Punkt, an dem die meisten Anfänger ins Straucheln geraten. Denn auf den ersten Blick klingt die Regel simpel: Nach oben ziehen Sie den Stift leicht (dünn), nach unten drücken Sie mehr (dick). In der Praxis passieren jedoch typische Probleme: Aufstriche werden zu kräftig, Abstriche fransen aus, Übergänge wirken abgehackt, und der Schriftzug sieht eher „filzig“ als elegant aus. Genau deshalb lohnt es sich, dieses Prinzip nicht nur zu kennen, sondern wirklich zu verstehen: Was passiert physikalisch an der Spitze? Warum wirkt der Kontrast so stark auf Lesbarkeit und Stil? Wie steuern Sie Druck, Tempo und Winkel, ohne zu verkrampfen? In diesem Artikel lernen Sie Schritt für Schritt, wie das Regelwerk funktioniert, wann Ausnahmen sinnvoll sind, welche Übungen am schnellsten helfen und wie Sie aus einzelnen Strichen ein sauberes, dynamisches Schriftbild aufbauen – egal, ob Sie gerade erst anfangen oder Ihre Technik stabilisieren möchten.

1. Was bedeutet „Aufstriche dünn, Abstriche dick“ genau?

Das Prinzip beschreibt eine Strichlogik: Beim Schreiben oder Zeichnen mit einem flexiblen Werkzeug (Brush Pen, Pinsel, Spitzfeder) entstehen unterschiedliche Strichstärken je nach Richtung und Druck. Ein Aufstrich ist eine Bewegung nach oben oder in eine aufwärtsgerichtete Kurve. Dabei bleibt der Druck minimal, sodass die Spitze nur leicht über das Papier gleitet und eine dünne Linie erzeugt. Ein Abstrich ist eine Bewegung nach unten oder in eine abwärtsgerichtete Kurve. Hier erhöhen Sie den Druck, die Spitze spreizt sich oder legt mehr Fläche auf, und die Linie wird deutlich dicker.

  • Aufstrich (Upstroke): wenig Druck, dünne Linie, leichter Kontakt
  • Abstrich (Downstroke): mehr Druck, dicke Linie, größere Auflagefläche

Dieses Wechselspiel erzeugt den typischen „kalligrafischen“ Look. Eine Einordnung, wie sich Kalligrafie als Technik historisch und begrifflich versteht, finden Sie unter Kalligrafie – Begriff und Hintergrund.

2. Warum funktioniert das Prinzip? Die einfache Erklärung mit Logik und Physik

Der Effekt ist kein Trick, sondern eine Kombination aus Mechanik und Wahrnehmung. Flexible Spitzen reagieren auf Druck: Je stärker Sie drücken, desto mehr Material (Filz, Pinselhaar oder Feder) berührt das Papier. Dadurch wird der Strich breiter und meist auch dunkler. Gleichzeitig ist eine Abwärtsbewegung motorisch stabiler als eine Aufwärtsbewegung: Nach unten können Sie mit Arm und Hand mehr kontrollierte Kraft einsetzen, ohne dass die Spitze „springt“. Aufwärts ist die Bewegung oft leichter und schneller, weshalb weniger Druck natürlich ist.

  • Mechanik: mehr Druck = mehr Auflagefläche = breiterer Strich
  • Motorik: Abwärtsbewegungen sind kontrollierter, Aufwärtsbewegungen leichter
  • Optik: Kontrast (dick/dünn) macht Buchstaben lebendig und besser unterscheidbar

Gerade in dekorativen Schriftzügen verbessert der Kontrast die Lesbarkeit, weil das Auge klare Strichhierarchien erkennt: tragende Stämme wirken kräftig, verbindende Bewegungen bleiben leicht.

3. Welche Werkzeuge setzen die Regel um – und welche nicht?

Das Prinzip ist an flexible Werkzeuge gebunden. Mit einem Kugelschreiber können Sie zwar „dickere Linien“ zeichnen, aber nicht automatisch durch Druckwechsel erzeugen. Für echte Strichvariation brauchen Sie eine Spitze, die auf Druck reagiert oder durch Winkel unterschiedliche Breiten produziert.

  • Brush Pen / Brush Marker: Strichstärke über Druck, ideal fürs Brush Lettering
  • Pinsel: Strichstärke über Druck und Pinselstellung, klassisch und sehr flexibel
  • Spitzfeder: Strichstärke über Druck (Spreizen der Feder), traditionelle Technik
  • Breitfeder: Strichstärke primär über Winkel, weniger über Druck
  • Fineliner/Kugelschreiber: kaum echte Druckvariation, eher für Monoline

Wenn Sie sich für die Rolle von Schrift und Gestaltung interessieren, kann Typografie – zentrale Grundlagen ergänzend nützlich sein, um zu verstehen, warum Strichkontrast das Schriftbild prägt.

4. Der häufigste Anfängerfehler: Zu viel Druck auf Aufstrichen

Der klassische Fehler ist ein zu kräftiger Aufstrich. Dadurch wirkt der Buchstabe „verklebt“, Übergänge werden unsauber, und der Kontrast geht verloren. Oft passiert das, weil Anfänger die Spitze beim Hochziehen unbewusst ins Papier drücken oder zu schnell arbeiten.

So erkennen Sie den Fehler

  • Aufstriche sind fast so dick wie Abstriche.
  • Kurven wirken unruhig, weil die Spitze bei Druck „rattert“.
  • Der Schriftzug sieht insgesamt schwer und fleckig aus.

So vermeiden Sie ihn sofort

  • Denken Sie an „streicheln“: Aufstriche nur mit der Spitze führen, nicht mit der Fläche.
  • Tempo reduzieren: Langsam schreiben, bis die dünne Linie wirklich konstant ist.
  • Größer üben: Bei größeren Buchstaben ist Druckkontrolle leichter.
  • Hand lockern: Ein verkrampfter Griff führt fast immer zu zu viel Druck.

5. Der zweitgrößte Fehler: Abstriche werden ungleichmäßig oder fransen aus

Auch Abstriche können problematisch sein: Wenn Sie zu stark drücken oder auf rauem Papier arbeiten, franst die Spitze aus oder die Linie wird „wellig“. Das passiert besonders bei weichen Brush Pens oder bei Papier mit grober Oberfläche. Ein sauberer Abstrich ist aber das Fundament des kalligrafischen Looks – er wirkt wie ein stabiler Stamm, der den Buchstaben trägt.

  • Zu viel Druck: Die Spitze spreizt unkontrolliert, Linie wird unruhig.
  • Falsches Papier: Raues Papier beschädigt die Spitze und lässt Tinte ausbluten.
  • Schieben statt ziehen: Abstriche funktionieren am besten, wenn Sie den Stift führen, nicht „vor sich herschieben“.

Praktischer Tipp: Wechseln Sie für Übungen auf glattes Papier. Grundwissen zu Papierarten liefert Papier – Aufbau und Eigenschaften, was gerade beim Materialverständnis hilfreich sein kann.

6. Schritt-für-Schritt: So trainieren Sie Druckwechsel in 10 Minuten

Der schnellste Fortschritt entsteht durch kurze, gezielte Einheiten. Üben Sie nicht sofort ganze Sätze, sondern die Strichlogik. Danach übertragen Sie sie in Buchstaben und erst dann in Wörter.

  • Minute 1–2: Gerade Aufstriche (dünn) nach oben, langsam, gleichmäßig.
  • Minute 3–4: Gerade Abstriche (dick) nach unten, kontrollierter Druck, gleiches Tempo.
  • Minute 5–6: Kombinierte Striche: dünn hoch, dick runter (wie eine lange „u“-Form).
  • Minute 7–8: Ovale: oben dünn, rechts runter dick, unten dünn auslaufen lassen, links hoch dünn.
  • Minute 9–10: Ein kurzes Wort, z. B. „mum“ oder „loop“, Fokus nur auf Strichstärken.

Wichtig: Achten Sie darauf, dass sich die dicke Linie nicht „plötzlich“ aufbaut, sondern kontrolliert. Der Übergang sollte weich wirken, nicht wie ein harter Sprung.

7. Übergänge sauber machen: Das Geheimnis liegt in Kurven und Wendepunkten

Viele Letterings wirken unsauber, weil die Übergänge zwischen dünn und dick nicht stimmen. Gerade in Kurven, an Wendepunkten und bei Verbindungen („Connections“) entscheidet sich, ob ein Buchstabe elegant wirkt oder holprig. Der häufigste Fehler ist, den Druck zu spät oder zu früh zu ändern.

Praktische Regel für Übergänge

  • Vor dem Abwärtsbogen Druck aufbauen: nicht erst mitten im Abstrich „hineindrücken“.
  • Vor dem Aufwärtsbogen Druck lösen: die Linie darf auslaufen, bevor es hochgeht.
  • Kurven bewusst langsamer: an Wendepunkten kurz „atmen“, statt zu hasten.

Ein guter Kontrolltest: Zeichnen Sie ein großes „n“ und beobachten Sie den Punkt, an dem der Strich von dünn zu dick wechselt. Wenn dieser Punkt bei jedem „n“ anders liegt, ist das der Hebel für mehr Konsistenz.

8. Welche Buchstaben sind am schwierigsten – und warum?

Einige Buchstaben stellen die Strichlogik besonders auf die Probe, weil sie viele Richtungswechsel enthalten oder enge Kurven verlangen. Typische „Problemkandidaten“ sind s, e, a, g und k. Der Grund ist nicht, dass diese Buchstaben „schwer“ sind, sondern dass sie mehrere Übergänge auf engem Raum bündeln.

  • s: viele Kurven, wechselnde Druckpunkte, schnell unruhig
  • e/a: Oval + Anschluss, Übergänge müssen weich sein
  • g: Unterlänge + Schleife, Druckkontrolle in engen Bögen
  • k: Stamm + diagonale Arme, Strichlogik muss klar bleiben

Lösung: Üben Sie diese Buchstaben nicht isoliert bis zur Erschöpfung, sondern in Wortpaaren (z. B. „see“, „ease“, „go“, „kiki“). So lernen Sie sie im Kontext, was realistischer ist.

9. Ausnahmen zur Regel: Wann dürfen Aufstriche dicker oder Abstriche dünner sein?

Wie in jedem Handwerk gibt es Ausnahmen – aber sie funktionieren nur, wenn die Regel grundsätzlich sitzt. In manchen Stilen sind Aufstriche bewusst etwas kräftiger, um ein „markerartiges“ Schriftbild zu erzeugen. Ebenso kann ein Abstrich absichtlich leichter sein, um eine filigrane, elegante Optik zu betonen. Wichtig ist, dass Ausnahmen konsequent und stilistisch begründet sind, nicht zufällig.

  • Stilentscheidung: moderner, gleichmäßiger Look mit geringem Kontrast
  • Lesbarkeit: bei sehr kleinen Schriftgrößen kann weniger Kontrast sauberer wirken
  • Werkzeuggrenzen: manche Brush Pens sind sehr weich oder sehr fest – der Kontrast fällt unterschiedlich aus
  • Designkontext: wenn ein Wort „bold“ wirken soll, kann mehr Strichgewicht sinnvoll sein

10. Häufige Fragen aus der Praxis: Schnellantworten, die wirklich helfen

„Warum zittern meine dünnen Linien?“

Oft, weil Sie zu langsam und verkrampft sind oder die Spitze zu stark aufdrücken. Halten Sie den Stift lockerer, schreiben Sie etwas größer und erhöhen Sie das Tempo minimal, bis die Linie flüssiger wird.

„Warum sind meine dicken Linien fleckig?“

Häufig sind Papier und Stift nicht optimal kombiniert oder Sie drücken zu stark. Probieren Sie glatteres Papier und reduzieren Sie den Druck, bis die Linie gleichmäßig wird.

„Muss ich immer Brush Lettering machen, um das Prinzip zu nutzen?“

Nein. Auch mit Pinsel und Feder funktioniert die Logik. Mit Fineliner können Sie den Effekt imitieren, indem Sie Abstriche nachträglich verdicken (Lettering-Ansatz), allerdings ist das dann eher gezeichnet als geschrieben.

11. Von Strichen zu Wörtern: So übertragen Sie das Prinzip auf echte Schriftzüge

Der Übergang von Übungsstrichen zu Wörtern gelingt am besten, wenn Sie Ihre Schriftzüge bewusst langsam konstruieren. Viele schreiben zu früh „im Kopf“ ein ganzes Wort herunter und verlieren dabei die Kontrolle über einzelne Striche. Denken Sie stattdessen buchstabenweise und achten Sie auf wiederkehrende Grundformen.

  • Wortwahl für den Start: „mum“, „minimum“, „noon“ (viele U-Formen, klare Downstrokes)
  • Dann erweitern: „hello“, „happy“, „letter“ (mehr Übergänge, mehr Vielfalt)
  • Zum Schluss: Wörter mit s, g, k, z (höhere Komplexität)

Hilfreich ist es, mit Hilfslinien zu arbeiten (Grundlinie, x-Höhe, Ober-/Unterlängen). So bleibt nicht nur die Strichstärke, sondern auch die Proportion stabil.

12. Qualitäts-Checkliste: So sehen Sie sofort, ob Ihr Kontrast stimmt

Mit einer kurzen Checkliste können Sie Ihre Ergebnisse objektiver beurteilen. Das ist besonders hilfreich, wenn Sie das Gefühl haben, „auf der Stelle“ zu treten – oft liegt der Unterschied nur in zwei oder drei klaren Punkten.

  • Sind Aufstriche durchgehend dünn und gleichmäßig?
  • Sind Abstriche klar dicker, ohne auszubrechen oder fleckig zu wirken?
  • Wirken Übergänge weich statt abrupt?
  • Bleibt der Kontrast über das ganze Wort hinweg konsistent?
  • Sieht der Schriftzug aus der Entfernung ruhiger als aus der Nähe?
  • Gibt es einzelne Buchstaben, die „zu schwer“ oder „zu leicht“ wirken?

Wenn Sie diese Punkte regelmäßig prüfen, wird „Aufstriche dünn, Abstriche dick“ vom Merksatz zur automatischen Routine. Genau dann beginnt Brush Lettering wirklich Spaß zu machen: Sie müssen nicht mehr gegen den Stift arbeiten, sondern nutzen seine Flexibilität kontrolliert – und Ihr Schriftzug bekommt den lebendigen, eleganten Kontrast, der moderne Letterings ausmacht.

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