Bohrungen sauber definieren: Senkung, Fase, Tiefe, Durchmesser

Bohrungen sauber definieren ist eine der wichtigsten Grundlagen, damit ein Bauteil in Fertigung und Montage zuverlässig funktioniert. Auf den ersten Blick wirken Bohrungen simpel: ein Durchmesser, vielleicht eine Tiefe – fertig. In der Praxis sind Bohrungen jedoch häufig Funktionsmerkmale: Sie positionieren Teile über Schrauben oder Stifte, bilden Dicht- und Durchführungen, nehmen Lager oder Buchsen auf, führen Kabel, oder stellen Zugänglichkeit für Werkzeuge her. Genau deshalb entstehen bei Bohrungen besonders viele Rückfragen und Fehler: Eine Senkung ist nicht eindeutig spezifiziert, eine Fase fehlt am Einlauf, die Tiefe ist missverständlich (Bohrtiefe vs. Gewindetiefe), oder der Durchmesser ist zwar korrekt, aber ohne Toleranz nicht prüfbar. Auch scheinbar kleine Details wie die Angabe „durchgehend“ oder „Sackloch“ können darüber entscheiden, ob ein Teil montierbar ist oder ob Schrauben aufsetzen, Köpfe nicht bündig sitzen oder Kanten Grate bilden. Dieser Praxisguide zeigt Ihnen, wie Sie Bohrungen in 2D-Zeichnungen eindeutig definieren – inklusive Durchmesser, Tiefe, Senkung, Fase, Passung und typischen Symbolen – und welche häufigen Fehler Sie vermeiden sollten, damit Fertigung und Qualitätssicherung ohne Interpretationsspielraum arbeiten können.

1. Bohrungstypen verstehen: Durchgang, Sackloch, Stufenbohrung

Bevor Sie bemaßen, sollten Sie die Art der Bohrung klar einordnen. Denn jede Bohrungsart hat typische Zusatzanforderungen, die in der Zeichnung sichtbar werden müssen.

  • Durchgangsbohrung: geht komplett durch das Bauteil; wichtig sind Durchmesser, ggf. Senkung und Entgratung beidseitig.
  • Sackloch: endet im Bauteil; Tiefe und Bohrspitze sind relevant, ebenso Restwand und Ausräumvolumen.
  • Stufenbohrung: mehrere Durchmesser in einer Achse; häufig für Schraubenköpfe, Lager- oder Buchsensitze.
  • Passbohrung: Bohrung mit definierter Passung/Toleranz (z. B. für Stifte oder Lager).

Praxis-Tipp

Wenn Sie den Bohrungstyp nicht auf Anhieb eindeutig beschreiben können, ist das ein Hinweis, dass die Zeichnung später Rückfragen erzeugt. Eine klare Schnitt- oder Detailansicht schafft oft sofort Ordnung.

2. Der Kern jeder Bohrungsangabe: Durchmesser richtig und eindeutig angeben

Der Durchmesser ist das zentrale Maß. In 2D-Zeichnungen wird er normtypisch mit dem Durchmessersymbol „⌀“ angegeben. Entscheidend ist jedoch nicht nur der Zahlenwert, sondern auch der Kontext: Ist es ein Fertigmaß? Ein Vorbohrmaß? Ein Kernloch für Gewinde? Oder ein Sitz für ein Präzisionsteil?

  • Standard-Durchmesser: ⌀10 (ohne weitere Angaben) ist nur dann sinnvoll, wenn die Funktion unkritisch ist und Allgemeintoleranzen klar definiert sind.
  • Funktionsdurchmesser: für Lager, Stifte oder Führungen brauchen Sie meist eine definierte Toleranz/Passung.
  • Mehrfachbohrungen: Anzahl und Position müssen klar sein (z. B. „4× ⌀6“ plus Lageangaben).
  • Bohrungsserie: wenn mehrere gleiche Bohrungen existieren, müssen sie eindeutig referenziert werden (Positionsnummern oder Muster).

Als Orientierungsrahmen für Bemaßungsdarstellung eignet sich der Einstieg über ISO 129 (Bemaßung).

3. Tiefe korrekt spezifizieren: Bohrtiefe, Senktiefe, Gewindetiefe sauber trennen

Tiefe ist der häufigste Stolperstein – vor allem bei Sacklöchern und Stufenbohrungen. Viele Zeichnungen nennen eine Zahl, aber nicht, worauf sie sich bezieht. Für Fertigung und Prüfung ist das jedoch entscheidend.

  • Bohrtiefe: Gesamttiefe der Bohrung, häufig inklusive Bohrspitze (je nach Standard klarstellen).
  • Zylindrische Tiefe: Tiefe bis zum Beginn der Bohrspitze (wichtig bei Aufnahmen oder wenn ein Teil bis zum Grund reichen soll).
  • Senktiefe: Tiefe der zylindrischen oder konischen Senkung (separat anzugeben).
  • Gewindetiefe: Länge des Gewindes bei Gewindebohrungen (nicht identisch mit Bohrtiefe).

Typischer Fehler

„⌀6 Tiefe 10“ ohne Bezug: Meint das die Bohrtiefe, die nutzbare zylindrische Tiefe oder die Gewindetiefe? Diese Unklarheit ist eine der häufigsten Ursachen für Montageprobleme und Ausschuss.

4. Sackloch-Bohrungen: Bohrspitze, Restwand und „Aufsetzen“ vermeiden

Bei Sacklöchern entsteht immer eine Bohrspitze (Kegel), weil Standardbohrer nicht flach schneiden. Das ist kein Detail, sondern beeinflusst nutzbare Tiefe und Kontaktflächen. Wenn ein Gegenstück oder eine Schraube „bis zum Grund“ reichen soll, müssen Sie das konstruktiv und zeichnerisch berücksichtigen.

  • Bohrspitze einplanen: nutzbare Tiefe ist geringer als Bohrtiefe.
  • Restwand beachten: bei dünnwandigen Bauteilen kann ein Sackloch die Stabilität gefährden.
  • Schraube setzt auf: passiert, wenn Gewindetiefe oder Bohrtiefe zu knapp ist oder wenn Auslauf nicht berücksichtigt wird.
  • Alternative: flacher Bohrgrund (Spezialwerkzeug) nur, wenn wirklich notwendig – sonst teuer.

Praxis-Tipp

Wenn Sie eine definierte Auflage am Bohrgrund brauchen (z. B. für Dicht- oder Positionselemente), ist ein Schnitt mit klarer Angabe zur nutzbaren zylindrischen Tiefe meist zwingend.

5. Senkungen richtig definieren: Zylindersenkung vs. Kegelsenkung

„Senkung“ ist nicht gleich „Senkung“. In der Praxis sind zwei Formen entscheidend, die unterschiedlich bemaßt und geprüft werden:

  • Zylindersenkung (Counterbore): zylindrische Aufweitung für Zylinderkopf-/Innensechskantschrauben; benötigt ⌀ und Tiefe.
  • Kegelsenkung (Countersink): konische Senkung für Senkschrauben; benötigt ⌀ (oder Kopf-Ø), Winkel und ggf. Tiefe/Bezug.

Worauf es bei Kegelsenkungen ankommt

Der Senkwinkel muss zur Schraube passen. Eine „ungefähre“ Senkung führt zu Kopfüberstand, schlechter Auflage oder beschädigten Kanten. Deshalb ist der Winkel ein Muss, nicht „optional“.

6. Fasen und Ansenkungen: Einlaufgeometrie, Entgratung und Montagefreundlichkeit

Eine Fase am Bohrungseinlauf ist oft funktional: Sie erleichtert das Einführen von Schrauben, Stiften oder Steckern, reduziert Gratbildung und schützt Oberflächen. Gleichzeitig ersetzt „Entgraten“ nicht automatisch eine definierte Fase – vor allem nicht bei Sicht- oder Berührkanten.

  • Montagefaktor: Fasen reduzieren das Risiko von Verkanten und Beschädigungen.
  • Prozesssicherheit: definierte Fasen sind leichter reproduzierbar als „nach Gefühl entgraten“.
  • Zweiseitig denken: Durchgangsbohrungen brauchen häufig beidseitige Kantenbearbeitung.
  • Standardisierung: eine Standardfase (z. B. 0,5×45°) für unkritische Bohrungen spart Zeichnungsaufwand.

Typischer Fehler

Nur eine Seite ist gefast, die andere bleibt scharf und gratig – und plötzlich klemmt ein Kabel, ein O-Ring wird beschädigt oder die Montage ist unangenehm.

7. Stufenbohrungen: Mehrere Durchmesser, klare Reihenfolge, klare Bezüge

Stufenbohrungen sind prädestiniert für Missverständnisse, weil mehrere Durchmesser und Tiefen in einer Achse zusammenkommen. Hier hilft eine strikte Logik: jeden Durchmesser mit eigener Tiefe angeben – und die Bezugsebene klar machen (meist die Bauteiloberfläche).

  • Von außen nach innen: Stufen in Reihenfolge der Bearbeitung/Ansicht definieren.
  • Je Stufe: Durchmesser + Tiefe (oder Bezug) angeben.
  • Schnitt bevorzugen: eine Schnittansicht macht Stufen fast immer eindeutiger als eine reine Außenansicht.
  • Übergänge beachten: Radien, Freistiche oder kleine Fasen zwischen Stufen können fertigungstechnisch nötig sein.

8. Passbohrungen und Toleranzen: Wenn „⌀10“ nicht mehr reicht

Sobald eine Bohrung ein Präzisionsmerkmal ist – etwa für Passstifte, Lager, Buchsen oder präzise Ausrichtung – reicht ein nominaler Durchmesser nicht. Dann brauchen Sie eine definierte Toleranz oder Passung, damit Montage und Funktion reproduzierbar sind.

  • Passstifte: benötigen typischerweise definierte Bohrungstoleranzen, sonst wandert die Lage.
  • Lagersitze: benötigen passungsrelevante Toleranzen, sonst entstehen Geräusche, Spiel oder Übermaß.
  • Beschichtungseinfluss: Beschichtungen verändern den effektiven Durchmesser.
  • Prüfbarkeit: Toleranzen müssen zu Messmitteln und Prozessfähigkeit passen.

Als Einstieg in die allgemeine Systematik von Passungen und Toleranzen eignet sich Passung (Technik).

9. Bohrungsposition und Bezugssystem: Durchmesser ist nutzlos, wenn die Lage nicht stimmt

Für Montage zählt oft weniger der Durchmesser als die Lage: Ein Loch, das 0,2 mm „wandert“, kann eine Schraube verkanten oder ein Bauteil verspannen – selbst wenn der Durchmesser perfekt ist. Deshalb müssen Bohrungen sauber positioniert werden: über Bezugsflächen, Baseline-Bemaßung oder geometrische Toleranzen (GD&T).

  • Baseline statt Maßkette: Lochlagen direkt von Referenzkanten/Achsen bemaßen.
  • Datums nutzen: Referenzen A/B/C helfen, Mess- und Montage-Logik zu stabilisieren.
  • GD&T bei Bohrbildern: Positionstoleranzen sind oft robuster als reine Maßketten.

Für die Einordnung der datumsbasierten Logik ist geometrische Tolerierung ein hilfreicher Einstieg.

10. Symbole und Callouts: Wie Sie Bohrungen kompakt, aber eindeutig angeben

Bohrungen werden in 2D häufig als Callout (Hinweiszeile) mit Leader dargestellt. Ziel ist, alle relevanten Informationen in einer kompakten, standardisierten Form zu bündeln. Entscheidend ist die Reihenfolge: Der Leser muss auf einen Blick erkennen, was gemeint ist.

  • Durchmesser: ⌀… als Startpunkt
  • Tiefe: klar als Tiefe gekennzeichnet (bei Sackloch/Stufe)
  • Senkung: Typ (zylindrisch/konisch), ⌀ und Tiefe bzw. Winkel
  • Fase: Maß und Winkel (z. B. 0,5×45°)
  • Anzahl: z. B. „4ד bei wiederholten Bohrungen

Praxis-Tipp

Wenn Sie mehr als zwei bis drei Zusatzinfos in eine Callout-Zeile quetschen müssen, ist eine Detail- oder Schnittansicht oft die sauberere Lösung, weil sie Missverständnisse reduziert.

11. Typische Fehler bei Bohrungen – und die dahinterliegenden Ursachen

Viele Bohrungsfehler sind wiederkehrend. Wenn Sie die Ursachen kennen, können Sie sie systematisch verhindern:

  • Senkung ohne Winkel: bei Kegelsenkung fehlt der Senkwinkel → Schraubenkopf passt nicht.
  • Tiefe unklar: Bohrtiefe vs. zylindrische Tiefe vs. Gewindetiefe nicht getrennt.
  • Fase fehlt: Grat und Montageprobleme, besonders bei Hand- oder Automontage.
  • Nur „Entgraten“: zu vage, Ergebnis variiert je nach Lieferant.
  • Stufenbohrung ohne Schnitt: Leser interpretiert die Reihenfolge oder Tiefe falsch.
  • Keine Toleranz bei Passbohrung: Funktion hängt vom Zufall der Fertigungsstreuung ab.
  • Lage nicht abgesichert: Loch sitzt „in Toleranz“, aber Bohrbild passt nicht zur Baugruppe.
  • Beschichtung ignoriert: Bohrung wird nach Beschichtung zu klein, Montage klemmt.

12. Praxis-Standard aufbauen: So werden Bohrungen im Team konsistent

In professionellen Teams lohnt es sich, für Bohrungen einen Standard zu definieren. Dadurch vermeiden Sie, dass jeder Zeichner „seine eigene Sprache“ nutzt.

  • Standard-Fasen: z. B. Default-Fase für Durchgangsbohrungen (beidseitig), wenn nicht anders angegeben.
  • Standard-Senkungen: definierte Geometrien passend zu üblichen Schraubentypen.
  • Standard-Callouts: feste Reihenfolge der Angaben, klare Schreibweise.
  • Template-Bausteine: CAD-Notizbausteine oder Feature-Notes reduzieren Tippfehler.
  • CTQ-Regel: Pass- und Lagebohrungen klar als kritisch behandeln und gezielt tolerieren.

13. Praxis-Checkliste: Bohrungen sauber definieren in 2D-Zeichnungen

  • Bohrungstyp klar: Durchgang, Sackloch oder Stufe ist eindeutig erkennbar (bei Bedarf mit Schnitt).
  • Durchmesser korrekt: ⌀-Angabe eindeutig; Anzahl bei Wiederholungen angegeben.
  • Tiefe eindeutig: Bohrtiefe, zylindrische Tiefe, Senktiefe und ggf. Gewindetiefe sind getrennt angegeben.
  • Senkung vollständig: zylindrisch: ⌀ + Tiefe; konisch: ⌀ + Winkel (ggf. Bezug/Depth) sind vorhanden.
  • Fase/Ansenkung geregelt: Einlaufgeometrie definiert; bei Durchgang beidseitig bedacht.
  • Passung/Toleranz passend: bei Funktionsbohrungen nicht nur nominal, sondern mit Toleranz/Passung.
  • Lage abgesichert: Lochlage über Bezüge/Baseline oder GD&T robust definiert.
  • Beschichtung berücksichtigt: wenn relevant, Auswirkungen auf Durchmesser und Passung geprüft.
  • Leader eindeutig: Callout zeigt auf das richtige Feature, keine Verwechslungsgefahr.
  • Lesbarkeit gegeben: keine überladenen Callouts – Detailansicht nutzen, wenn nötig.

Als hilfreiche Orientierung für die formale Bemaßungsdarstellung dient ISO 129; für das Verständnis von Passungen ist Passung (Technik) ein guter Einstieg.

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