Farbpaletten definieren: Primär- und Sekundärfarben richtig festlegen

Farbpaletten definieren: Primär- und Sekundärfarben richtig festlegen ist eine Kernaufgabe im Brand Style Guide, weil Farben zu den schnellsten und stärksten Wiedererkennungsmerkmalen einer Marke gehören. Gleichzeitig sind Farben eine häufige Quelle für Chaos: In der Praxis entstehen schnell zehn „Markenblau“-Varianten, Social Templates nutzen andere Akzente als die Website, und im Print wirkt die gleiche Farbe plötzlich anders als auf dem Screen. Das Problem liegt selten an mangelndem Geschmack, sondern an fehlenden Regeln: Welche Farbe ist wirklich „primär“? Wofür darf eine Sekundärfarbe eingesetzt werden? Wie werden Farbtöne technisch korrekt definiert (HEX, RGB, CMYK)? Welche Kombinationen sind erlaubt, damit Lesbarkeit und Kontrast stimmen? Ein professionelles Farbsystem beantwortet diese Fragen so eindeutig, dass Teams ohne Diskussion konsistent gestalten können. Es verbindet Markenwirkung (Emotionalität, Positionierung) mit Funktion (Hierarchie, Orientierung, Statusfarben) und mit technischer Präzision (Farbräume, Profile, Varianten). Dieser Artikel zeigt Schritt für Schritt, wie Sie Farbpaletten definieren, Primär- und Sekundärfarben sinnvoll festlegen, ein skalierbares System für digitale und gedruckte Anwendungen schaffen und typische Fehler vermeiden, die Markenwirkung und Nutzerfreundlichkeit schwächen.

1. Warum ein Farbsystem mehr ist als eine „schöne Palette“

Eine Palette ist erst dann ein Farbsystem, wenn sie klare Rollen und Regeln hat. In Markenarbeit geht es nicht nur darum, harmonische Farben zu wählen, sondern um Steuerung: Farben sollen Wiedererkennung erzeugen, Aufmerksamkeit lenken, Informationen codieren und Konsistenz über Kanäle sichern. Das gelingt nur, wenn jede Farbe eine Funktion hat.

  • Wiedererkennung: Primärfarben schaffen Markenprägung über alle Touchpoints
  • Hierarchie: Farben steuern, was zuerst gesehen wird (CTA, Headlines, Labels)
  • Orientierung: Sekundärfarben strukturieren Inhalte und Kategorien
  • Funktion: Statusfarben (Erfolg, Warnung, Fehler) vermitteln Bedeutung
  • Skalierbarkeit: klare Regeln verhindern, dass „neue Farben“ ad hoc entstehen

2. Ausgangspunkt: Markenpositionierung und gewünschte Wirkung in Farben übersetzen

Bevor Sie Farbwerte festlegen, sollten Sie definieren, welche Wirkung die Marke visuell haben soll. Farben tragen Bedeutung – aber nicht automatisch und nicht immer gleich. Kontext, Branche und Kultur beeinflussen Wahrnehmung. Ein Brand Style Guide muss deshalb nicht „Farben psychologisch erklären“, aber er sollte klar machen, welche Rolle Farben in Ihrer Markenpersönlichkeit spielen.

  • Markenattribute: z. B. zuverlässig, modern, mutig, premium, nahbar
  • Wettbewerbsumfeld: welche Farben sind in Ihrer Kategorie überrepräsentiert?
  • Differenzierung: wie vermeiden Sie, wie „alle anderen“ auszusehen?
  • Ton und Energie: zurückhaltend-minimal vs. expressiv-kontrastreich
  • Kontext: B2B vs. B2C, Tech vs. Lifestyle, Service vs. Produkt

Diese Überlegungen liefern Leitplanken, damit Primär- und Sekundärfarben nicht willkürlich gewählt werden.

3. Primärfarben richtig festlegen: Wenige, starke Anker statt zu vieler „Hauptfarben“

Primärfarben sind die visuellen Anker der Marke. Sie sollten so gewählt werden, dass sie über lange Zeit tragfähig sind und in vielen Anwendungen funktionieren. In der Regel gilt: lieber wenige Primärfarben, die konsequent eingesetzt werden, als ein breites Spektrum, das die Wiedererkennung verwässert.

  • Anzahl: meist 1–2 Primärfarben (plus Neutrale), selten mehr
  • Rolle: Logo-Umfeld, Key Visuals, zentrale Flächen, primäre CTAs (je nach System)
  • Wiederholbarkeit: Primärfarben müssen in Social, Web, Slides und Print stabil wirken
  • Kontrastfähigkeit: Primärfarbe muss mit Textfarben funktionieren
  • Flexibilität: Primärfarbe braucht oft Tönungen (Tints/Shades) für UI und Layout

Ein häufiger Fehler ist, Primärfarben „dekorativ“ zu wählen, ohne die Alltagstauglichkeit zu prüfen.

4. Sekundärfarben definieren: Unterstützung, Struktur und Kampagnenlayer

Sekundärfarben sind nicht „auch Hauptfarben“, sondern unterstützende Elemente. Sie dienen dazu, Inhalte zu gliedern, Abwechslung zu schaffen und zusätzliche Signale zu geben – ohne die Primärfarben zu verdrängen. Gute Sekundärfarben ergänzen das System, statt es zu konkurrieren.

  • Rolle im Layout: Akzente, Illustrationen, Diagramme, Kategorien, Hintergründe
  • Kampagnenlayer: zusätzliche Farbtöne für temporäre Aktionen (klar regeln)
  • Begrenzung: definieren, wie viel Sekundärfarbe pro Layout erlaubt ist
  • Harmonie: Sekundärfarben müssen zum Primäranker passen
  • Systemlogik: Sekundärfarben sollten in Tonwert und Sättigung bewusst abgestimmt sein

Praxisregel: Sekundärfarben sind dann gut, wenn sie Vielfalt ermöglichen, ohne die Markenprägung zu schwächen.

5. Neutrale Farben: Das Fundament, das viele Style Guides zu spät definieren

Neutrale Farben (Weiß, Off-White, Grau- und Schwarzabstufungen) sind das Rückgrat der meisten Designs. Sie steuern Lesbarkeit, Ruhe, Flächengewicht und Kontrast. Wenn Neutrale nicht definiert sind, entstehen schnell unzählige Grautöne in UI, Präsentationen und Printmaterial – und damit inkonsistente Wirkung.

  • Textfarben: Primärtext, Sekundärtext, Disabled/Hint
  • Hintergründe: Base, Surface, Elevated, Border
  • Kontraststeuerung: Neutrale helfen, Primärfarben „wirken zu lassen“
  • Dark Mode (optional): separate Neutral-Skala für dunkle Oberflächen
  • Skala: klar definierte Stufen statt „irgendein Grau“

6. Funktions- und Statusfarben: Erfolg, Warnung, Fehler ohne Markenbruch

Statusfarben sind besonders im digitalen Kontext unverzichtbar. Gleichzeitig dürfen sie nicht willkürlich sein, sonst wirkt das UI wie ein Fremdkörper. Ein Brand Style Guide sollte definieren, wie Statusfarben aussehen und wann sie eingesetzt werden – inklusive Alternativen, wenn Farben allein nicht ausreichen (z. B. Icons, Labels).

  • Success: bestätigende Zustände, positive Hinweise
  • Warning: Aufmerksamkeit ohne Panik (z. B. unvollständige Angaben)
  • Error: klare Fehlersignale, hohe Erkennbarkeit
  • Info: neutrale Hinweise, Systemmeldungen
  • Regeln: Statusfarben nicht für Dekoration oder Kampagnen missbrauchen

7. Technische Farbdefinitionen: HEX, RGB, CMYK und warum „ein Wert“ nicht genügt

Ein professionelles Farbsystem ist technisch sauber dokumentiert. Denn dieselbe Farbe kann je nach Medium und Farbraum anders wirken. Der Style Guide sollte deshalb die Farbcodes für digitale Nutzung und für Print getrennt ausweisen und erklären, welcher Wert in welchem Kontext gilt.

  • Digital: HEX und RGB (ggf. HSL) für Web, App, Social
  • Print: CMYK-Werte (und ggf. Sonderfarben, wenn nötig)
  • Farbprofile: definieren, welche Profile im Print-Workflow verwendet werden
  • Verbindlichkeit: „Diese Werte sind maßgeblich“ – keine Mischinterpretation
  • Abweichungen erklären: warum CMYK nicht exakt wie Screen aussehen kann

Gerade im Print ist es wichtig, Erwartungen realistisch zu steuern: Papier, Druckverfahren und Profile beeinflussen die Ausgabe.

8. Tints, Shades und Tonwertskalen: So wird Ihr Farbsystem UI-tauglich und skalierbar

Für digitale Produkte und moderne Markenlayouts reichen „ein paar Farben“ selten aus. Sie brauchen Abstufungen: hellere Tints für Hintergründe, mittlere Töne für Flächen und dunklere Shades für Text auf farbigen Flächen oder für Hover-States. Ein Style Guide sollte diese Skalen definieren, damit Teams nicht selbst „irgendwas aufhellen“.

  • Skalenlogik: z. B. 50–900 oder 10–100 in festen Schritten
  • Einsatzregeln: welche Stufen für Background, Border, Text, Hover?
  • Konsistenz: gleiche Logik für Primär- und Sekundärfarben
  • Dark Mode: eigene Skalen oder invertierte Logik (bewusst dokumentieren)
  • Tokens (optional): Farben als Design Tokens benennen (z. B. color-primary-600)

9. Farbkontrast und Lesbarkeit: Regeln, Tests und typische Fallstricke

Farben müssen nicht nur „schön“, sondern lesbar sein. Besonders bei Text auf farbigen Flächen, Buttons, Links und Diagrammen entstehen schnell Kontrastprobleme. Ein Brand Style Guide sollte deshalb Mindestanforderungen und Testmethoden definieren – und klar machen, welche Kombinationen erlaubt sind.

  • Text auf Farbe: definierte Kombinationen (z. B. Primär-600 + Weiß)
  • Links: Erkennbarkeit ohne reine Farbcodierung (z. B. Unterstreichung)
  • Buttons: Default/Hover/Disabled mit ausreichender Differenz
  • Diagramme: farbenblindfreundliche Abstufungen und zusätzliche Codierung (Labels/Pattern)
  • Dark Mode: Kontrast nicht „gefühlbasiert“ – systematisch prüfen

Als anerkannte Referenz für Kontrastanforderungen eignen sich die WCAG-Richtlinien des W3C, die klare Kriterien für barrierearme Farbkombinationen definieren.

10. Anwendungsregeln im Style Guide: Wo Primärfarben dominieren dürfen – und wo nicht

Teams brauchen konkrete Regeln, sonst wird jede Farbe überall benutzt. Ein guter Style Guide definiert daher Anwendungsquoten, Flächenregeln und Prioritäten. Ziel ist, dass Primärfarben als Markenanker sichtbar bleiben, während Sekundärfarben und Neutrale für Balance sorgen.

  • Flächengewicht: Primärfarben als Akzent oder als dominante Fläche? klar regeln
  • CTA-Logik: welche Farbe ist „Primary Action“, welche „Secondary Action“?
  • Hintergründe: wann sind farbige Hintergründe erlaubt, wann lieber neutral?
  • Kampagnenfarben: zeitlich begrenzt, klar gekennzeichnet, Rückführung ins System
  • Beispiele: Layouts mit „richtigem“ Verhältnis von Primär/Sekundär/Neutral

11. Beispiele, Templates und Do’s & Don’ts: So wird Farbtheorie zu Alltagspraxis

Farbsysteme werden erst wirksam, wenn sie in Templates und Beispielen stecken. Zeigen Sie deshalb konkrete Anwendungen: Social Post, Landingpage, Slide, Anzeige, UI-Screen. Ergänzen Sie Do’s & Don’ts, damit typische Fehler gar nicht erst entstehen.

  • Beispielgalerie: 6–12 typische Anwendungen mit erklärten Farbrollen
  • Vorlagen: Social/Slides/Ads mit vordefinierten Farbstilen
  • Do’s: klare Kontraste, ruhige Neutrale, gezielte Akzente
  • Don’ts: zu viele Akzentfarben, falsche Töne, schlechte Lesbarkeit
  • Exportregeln: RGB für digital, CMYK für Print, Profile klar benennen

12. Praktische Schrittfolge: Farbpaletten definieren und im Brand Style Guide verankern

Um Primär- und Sekundärfarben richtig festzulegen, hilft eine klare Vorgehensweise, die Wirkung, Funktion und Technik zusammenführt. Der folgende Ablauf ist bewusst praxisorientiert und lässt sich für kleine Marken ebenso nutzen wie für skalierende Organisationen.

  • Schritt 1: Markenattribute und Differenzierung definieren (Wirkungskriterien festlegen)
  • Schritt 2: 1–2 Primärfarben auswählen und in realen Layouts testen (Web, Social, Slides)
  • Schritt 3: Neutrale Skala definieren (Text, Hintergründe, Borders) als Fundament
  • Schritt 4: Sekundärfarben ergänzen (Struktur, Kategorien, Kampagnenlayer) mit Einsatzregeln
  • Schritt 5: Tonwertskalen (Tints/Shades) erstellen und Zustände (Hover/Disabled) definieren
  • Schritt 6: Statusfarben festlegen und Farbcodierung durch zusätzliche Signale absichern
  • Schritt 7: technische Werte dokumentieren (HEX/RGB/CMYK, Profile) und verbindlich machen
  • Schritt 8: Templates, Beispiele und Do’s & Don’ts im Guide verankern

Wenn Sie diesen Prozess konsequent umsetzen, wird „Farbpaletten definieren: Primär- und Sekundärfarben richtig festlegen“ zu einem belastbaren System: Die Marke bleibt wiedererkennbar, Teams arbeiten schneller, digitale Produkte bleiben lesbar, und Printmaterial wirkt kontrolliert statt zufällig. Genau das ist die Aufgabe eines guten Brand Style Guides – nicht nur Farben zu zeigen, sondern sie so zu regeln, dass sie Wirkung entfalten.

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