Die Idee eines „Mikrocontroller aus biologisch abbaubaren Materialien“ klingt zunächst nach Science-Fiction – und genau deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick darauf, was heute bereits möglich ist und wo die Grenzen liegen. Ein klassischer Mikrocontroller ist ein hochinterierter Siliziumchip mit Milliarden präzise strukturierter Bereiche, gefertigt in Reinräumen und dauerhaft dafür ausgelegt, über Jahre stabil zu funktionieren. Biologisch abbaubare Materialien verhalten sich jedoch genau gegensätzlich: Sie sollen sich unter definierten Umweltbedingungen zersetzen, auflösen oder zumindest ohne langfristige Rückstände verschwinden. In der Forschung entsteht daraus ein spannendes Feld, das oft unter den Begriffen „biologisch abbaubare Elektronik“ oder „transiente Elektronik“ läuft: Geräte, die während ihrer Nutzungszeit zuverlässig arbeiten und anschließend kontrolliert abgebaut werden. Für Maker, Produktentwickler und Nachhaltigkeits-Interessierte ist vor allem wichtig zu verstehen, welche Teile einer Elektronik heute schon „grün“ werden können – und welche Komponenten (noch) nicht.
Was bedeutet „biologisch abbaubare Elektronik“ überhaupt?
Biologisch abbaubare Elektronik ist kein einzelnes Material, sondern ein Systemgedanke. Je nach Definition geht es um Komponenten, die sich in der Umwelt zersetzen (biodegradieren), im Körper auflösen (bioresorbieren) oder durch thermische/chemische Prozesse sicher verschwinden (transient). In der Praxis werden dabei häufig mehrere Ziele vermischt:
- Biologische Abbaubarkeit: Materialien werden durch Mikroorganismen oder natürliche Prozesse abgebaut.
- Bioresorbierbarkeit: Materialien lösen sich im Körper in unkritische Bestandteile auf (z. B. für temporäre Implantate).
- Recyclingfähigkeit: Materialien sind nicht zwingend biologisch abbaubar, können aber gut wiederverwertet werden (z. B. durch Trennbarkeit).
- Reduzierung von E-Waste: Das Gesamtsystem verursacht weniger Elektronikschrott, weil Substrate und Gehäuse nicht jahrzehntelang bestehen bleiben.
Wichtig: „Biologisch abbaubar“ heißt nicht automatisch „umweltfreundlich“. Entscheidend sind auch Energieaufwand, Herstellchemikalien, Lebensdauer, Sicherheitsaspekte und die Frage, welche Rückstände tatsächlich entstehen.
Warum ist ein vollständig biologisch abbaubarer Mikrocontroller so schwierig?
Ein Mikrocontroller ist im Kern eine komplexe Halbleiterlogik: CPU, Speicher (Flash/RAM), Taktgeber, Peripherie (ADC, Timer, UART, I2C, SPI), oft auch Funkmodule. Diese Funktionen setzen heute sehr stabile Halbleiterstrukturen voraus. Biopolymere wie Cellulose, Stärke, PLA oder Seide sind dafür als direkte Ersatzmaterialien nicht geeignet, weil sie weder die notwendige Halbleiterphysik noch die Langzeitstabilität im Mikrometerbereich liefern.
Was Forschungsteams jedoch verfolgen, ist ein anderer Ansatz: „transiente Systeme“, die ihre Funktion nur für einen definierten Zeitraum bereitstellen und danach gezielt zerfallen. Dazu werden Bauteile, Leiterbahnen, Substrate und Kapselungen so ausgewählt, dass Abbau und Auflösung planbar sind. Ein Überblick über aktuelle Richtungen in der transienten Elektronik findet sich beispielsweise in aktuellen Fachzusammenfassungen und Reviews, etwa unter dem Stichwort „Transient Electronics“ (z. B. aktueller Überblick zu transienter Elektronik und Nachhaltigkeit).
Welche Teile lassen sich heute schon „abbaubar“ oder deutlich nachhaltiger gestalten?
Substrat und Platine: Der größte Hebel im Alltag
Der einfachste Schritt in Richtung Nachhaltigkeit liegt oft nicht im Chip selbst, sondern in dem, worauf er sitzt: der Leiterplatte und dem Trägermaterial. Klassische FR-4-Platinen (Glasfaser/Epoxidharz) sind robust, aber schlecht abbaubar. In der Forschung und in ersten Spezialanwendungen werden deshalb Alternativen untersucht, etwa papierbasierte oder cellulosebasierte Substrate sowie biobasierte Verbundmaterialien. Auch gedruckte Elektronik auf Papier ist ein starkes Thema, weil additive Fertigung weniger Material und potenziell weniger problematische Träger benötigt (Beispiele und Forschungsansätze rund um papierbasierte, biobasierte Substrate finden sich u. a. in Publikationen zu papierbasierten Elektronikmaterialien und Druckprozessen, z. B. Paper-Electronics mit biologisch abbaubarer Matrix).
Gehäuse, Halterungen und Mechanik: Biobasiert ist oft sofort machbar
Im Maker-Bereich ist die Mechanik häufig der größte Plastikanteil. 3D-Druck-Materialien wie PLA sind biobasiert (nicht automatisch vollständig biologisch abbaubar in jeder Umgebung, aber häufig günstiger als klassische Petrochemie-Kunststoffe). Für Gehäuse, Halterungen und Abstandshalter lassen sich außerdem Holz, Bambusverbunde oder Recyclingkunststoffe einsetzen. Hier kann man meist ohne Performance-Risiko viel erreichen.
Leiterbahnen und Kontakte: Abbaubar vs. sicher leitfähig
Leiterbahnen müssen zuverlässig leiten, lötbar oder kontaktierbar sein und dürfen nicht spontan korrodieren. Klassische Metalle wie Kupfer funktionieren hervorragend, sind aber nicht „biologisch abbaubar“. In transienten Konzepten werden teils Metalle eingesetzt, die sich kontrolliert auflösen können, etwa Magnesium in speziellen Systemen. Solche Ansätze sind forschungsgetrieben und an konkrete Bedingungen gekoppelt (Feuchte, pH-Wert, Kapselung, Zeitfenster). Für einen realistischen Nachhaltigkeitsgewinn im Alltag sind daher oft andere Strategien sinnvoll:
- Design für Demontage (Steckverbinder statt dauerhaft verklebter Baugruppen)
- Modulare Bauweise (nur defekte Module tauschen)
- Reparierbarkeit und dokumentierte Stücklisten
Transiente Elektronik: Wenn Technik „verschwindet“
Der Begriff „transient“ beschreibt Elektronik, die für eine begrenzte Zeit arbeitet und danach durch definierte Mechanismen abgebaut wird. Das Ziel ist nicht, dass Geräte sofort zerfallen, sondern dass sie planbar eine Nutzungsphase haben. Anwendungsfelder sind beispielsweise temporäre medizinische Sensoren, Umweltmesssysteme, die man in schwer zugänglichen Bereichen ausbringt, oder Einweg-Diagnostik.
Ein großer Teil der Forschung beschäftigt sich damit, Materialkombinationen zu finden, die einerseits stabil genug sind und andererseits kontrolliert degradieren. Dazu gehören Substrate (z. B. Seide oder Cellulose), Kapselungen und Funktionsschichten. Einen Einstieg in die Materiallogik bioresorbierbarer Systeme bietet z. B. der Überblick zu Seide als temporärem Substrat und Encapsulation-Material in der Fachliteratur (Einführung zu biologisch abbaubarer Elektronik und Materialoptionen).
Gibt es schon „Mikrocontroller“, die abbaubar sind?
Wenn man „Mikrocontroller“ streng als vollwertigen, programmierbaren MCU-Chip versteht, ist die Antwort heute: nicht im Massenmarkt. Was es gibt, sind Forschungsdemonstratoren, die sich in Richtung „mikroprozessor-ähnliche“ Logik bewegen oder Teilfunktionen nachbilden. Die Hürde ist hoch, weil ein Mikrocontroller nicht nur Schalttransistoren braucht, sondern auch zuverlässigen nichtflüchtigen Speicher, Takt, programmierbare Peripherie und robuste Packaging-Technik.
Realistischer ist derzeit ein hybrider Ansatz: Man kombiniert einen konventionellen Mikrocontroller (Silizium) mit einem nachhaltigen oder abbaubaren Umfeld. Das reduziert zwar nicht den Chip selbst, kann aber den Anteil schwer recycelbarer Masse deutlich senken – vor allem, wenn Gehäuse, Substrat und Verkabelung so gestaltet sind, dass sich der Chip leicht ausbauen und weiterverwenden lässt.
Welche Materialklassen sind besonders relevant?
Cellulose und Papier: günstig, verfügbar, gut bedruckbar
Cellulosebasierte Substrate sind attraktiv, weil sie aus nachwachsenden Rohstoffen stammen, in vielen Varianten verfügbar sind und sich für gedruckte Elektronik eignen. In der Forschung werden dazu etwa Nanocellulose-Substrate untersucht, die mechanisch stabil und für flexible Anwendungen geeignet sein können. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung, Feuchteempfindlichkeit, Maßhaltigkeit und elektrische Isolationswerte über die Nutzungsdauer sicherzustellen (Beispiele für Entwicklungen rund um cellulosebasierte, flexible Substrate finden sich u. a. in Arbeiten zu biobasierten Nanokomposit-Substraten, z. B. biobasierte Substrate für flexible Elektronik).
Seide (Silk Fibroin): spannend für temporäre Systeme
Seide ist als Biopolymer in der bioresorbierbaren Elektronik interessant, weil sie mechanisch stabil sein kann, sich in dünnen Filmen verarbeiten lässt und Auflösungsraten bis zu einem gewissen Grad steuerbar sind. Das ist besonders relevant, wenn Elektronik im Körper oder in sensiblen Umgebungen nur temporär gebraucht wird. In der Praxis geht es dann meist um Sensorsysteme, nicht um Maker-Boards im klassischen Sinn.
Biologisch abbaubare Polymere und Verbunde: gut für Träger, schwierig für „High-End“
Ethylcellulose, PLA-Varianten oder biobasierte Mischungen werden teils als Träger in Druckverfahren betrachtet. Solche Materialien können helfen, petrochemische Kunststoffe zu ersetzen, müssen aber gegen Wärme, Feuchte und mechanische Belastung abgesichert werden. Für viele Maker-Projekte sind sie als Gehäusematerial relevanter als als Leiterplatte.
Was bedeutet das für Maker und Produktentwickler ganz praktisch?
Auch ohne „abbaubaren Mikrocontroller“ kann man Projekte deutlich nachhaltiger gestalten, wenn man die größten Abfalltreiber reduziert. Im DIY-Kontext sind das oft Platinen, Kabel, Gehäuse, Klebstoffe und Einweg-Versuchsaufbauten. Ein pragmatischer Maßnahmenkatalog:
- Modular planen: Sensoren, Funk, Stromversorgung als steckbare Module statt alles fest zu verlöten.
- Steck- statt Klebeverbindungen: Gehäuse verschrauben, Clips nutzen, keine dauerhaften Vergüsse ohne Not.
- Wiederverwendbare Stromversorgung: Standard-Akkus und Ladeschaltungen, die man später in anderen Projekten nutzen kann.
- Materialwahl sichtbar machen: Gehäuse aus PLA/Recyclingmaterial, Halterungen aus Holz, kurze Kabelwege, weniger Kunststoff.
- Dokumentieren: Stückliste, Schaltplan, Versionsstände – das erhöht Reparierbarkeit und Weitergabe.
Kontrollierte Lebensdauer: Der Knackpunkt bei abbaubaren Systemen
„Abbaubar“ ist nur dann ein Vorteil, wenn die Lebensdauer zur Anwendung passt. Ein Sensor, der nach drei Wochen im Regen zerfällt, ist im Garten vielleicht sinnvoll, in einer Gebäudeinstallation aber nicht. Genau darum dreht sich ein großer Teil der Forschung: Degradation darf nicht zufällig passieren, sondern muss kontrollierbar sein. Typische Stellhebel sind Kapselung, Materialkombinationen, Schichtdicken und die Umgebung (Temperatur, Feuchte, pH-Wert).
Wer tiefer einsteigen will, findet Labor- und Forschungsprogramme, die sich genau mit „bioresorbierbaren“ bzw. „degradierbaren“ Mikrosystemen beschäftigen, z. B. in universitären Gruppen und Kompetenzzentren (ein Beispiel ist die Forschungsarbeit zu bioabbaubaren Mikrosystemen und gedruckter Elektronik, wie sie etwa auf Laborseiten beschrieben wird: Forschung zu biodegradierbaren Mikrosystemen und transienter Elektronik).
Standards, Sicherheit und „Greenwashing“: Worauf man achten sollte
Bei nachhaltiger Elektronik entstehen schnell Missverständnisse: „Biologisch abbaubar“ klingt gut, kann aber in der Realität bedeuten, dass ein Material nur unter industriellen Kompostbedingungen abgebaut wird – nicht im Hauskompost und nicht in der Natur. Für Produkte kommen zusätzlich Anforderungen hinzu: Brandverhalten, Isolation, EMV, mechanische Sicherheit und chemische Stabilität. Gerade bei Leiterplatten werden daher in der Fachwelt auch alternative Ansätze diskutiert, etwa „biodegradable PCBs“ oder neue Bewertungsmaßstäbe für Nachhaltigkeit in Leiterplattenmaterialien (Überblicke zu nachhaltigen/abbaubaren Leiterplattenkonzepten finden sich z. B. in Review-Artikeln: Review zu biologisch abbaubaren Leiterplatten).
Ausblick: Wo die Entwicklung realistisch hinführt
In naher Zukunft ist weniger ein „Arduino aus Holz“ zu erwarten, sondern eher eine schrittweise Verschiebung: mehr gedruckte Elektronik auf biobasierten Substraten, mehr Systeme mit kontrollierbarer Lebensdauer (transient), besseres Design für Demontage und Recycling sowie neue Materialplattformen für spezielle Einweg- und Medizinanwendungen. Parallel werden offene Architekturen, energieeffiziente Designs und modulare Hardwarekonzepte helfen, die Nutzungsdauer von Elektronik insgesamt zu erhöhen – und damit den größten Nachhaltigkeitshebel zu bedienen: weniger Neuanschaffungen, weniger Wegwerfen, mehr Wiederverwendung.
IoT-PCB-Design, Mikrocontroller-Programmierung & Firmware-Entwicklung
PCB Design • Arduino • Embedded Systems • Firmware
Ich biete professionelle Entwicklung von IoT-Hardware, einschließlich PCB-Design, Arduino- und Mikrocontroller-Programmierung sowie Firmware-Entwicklung. Die Lösungen werden zuverlässig, effizient und anwendungsorientiert umgesetzt – von der Konzeptphase bis zum funktionsfähigen Prototyp.
Diese Dienstleistung richtet sich an Unternehmen, Start-ups, Entwickler und Produktteams, die maßgeschneiderte Embedded- und IoT-Lösungen benötigen. Finden Sie mich auf Fiverr.
Leistungsumfang:
-
IoT-PCB-Design & Schaltplanerstellung
-
Leiterplattenlayout (mehrlagig, produktionstauglich)
-
Arduino- & Mikrocontroller-Programmierung (z. B. ESP32, STM32, ATmega)
-
Firmware-Entwicklung für Embedded Systems
-
Sensor- & Aktor-Integration
-
Kommunikation: Wi-Fi, Bluetooth, MQTT, I²C, SPI, UART
-
Optimierung für Leistung, Stabilität & Energieeffizienz
Lieferumfang:
-
Schaltpläne & PCB-Layouts
-
Gerber- & Produktionsdaten
-
Quellcode & Firmware
-
Dokumentation & Support zur Integration
Arbeitsweise:Strukturiert • Zuverlässig • Hardware-nah • Produktorientiert
CTA:
Planen Sie ein IoT- oder Embedded-System-Projekt?
Kontaktieren Sie mich gerne für eine technische Abstimmung oder ein unverbindliches Angebot. Finden Sie mich auf Fiverr.

