STM32 in der Raumfahrt: CubeSats und Satellitentechnik aus DE

STM32 in der Raumfahrt ist längst kein exotisches Randthema mehr: Gerade bei CubeSats, Experimentalsatelliten und kostensensiblen Technologiedemonstratoren setzen viele Teams auf leistungsfähige, gut verfügbare Mikrocontroller aus dem Industrial-Umfeld. In Deutschland trifft dieser Ansatz auf ein starkes Ökosystem aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und kleinen Raumfahrtfirmen, die Kleinsatelliten als schnelle Innovationsplattform nutzen. Der Reiz liegt auf der Hand: STM32-Mikrocontroller bieten hohe Rechenleistung pro Watt, eine breite Auswahl an Peripherie (SPI, I2C, CAN, Ethernet, USB), günstige Entwicklungshardware sowie eine enorme Community. Gleichzeitig gelten in der Raumfahrt besondere Regeln: Strahlung, Temperaturzyklen, Vibration, Langzeitzuverlässigkeit und formale Entwicklungsprozesse. Genau hier entscheidet sich, ob ein STM32-Design “nur” im Labor funktioniert oder im Orbit stabil läuft. Dieser Artikel erklärt, wie STM32-basierte On-Board-Computer (OBC) und Subsysteme in CubeSat-Architekturen sinnvoll eingesetzt werden, welche Risiken realistisch sind und wie deutsche Teams das Thema professionell angehen.

Warum STM32 in CubeSats attraktiv ist

Kleinsatelliten sind oft durch enge Budgets, kurze Zeitpläne und begrenzte Ressourcen geprägt. Der STM32 passt in dieses Profil, weil er eine pragmatische Balance aus Funktionsumfang, Leistungsaufnahme und Entwicklungsaufwand bietet. Je nach Familie (z. B. STM32F4, H7, L4/U5) sind typische Stärken:

  • Leistungsfähige Cortex-M-Kerne für Steuerung, Telemetrie, Datenverarbeitung und Payload-Handling.
  • Breite Peripherieausstattung für Sensorik, Bussysteme und Datenpfade (SPI/SDIO, UART, I2C, ADC/DAC, Timer, DMA).
  • Tooling und Debugging über ST-LINK, SWD, Trace, gängige IDEs und Build-Systeme.
  • Ökosystem aus Bibliotheken, Middleware und RTOS-Optionen.
  • Gute Verfügbarkeit von Ersatzteilen und Second-Source-Strategien auf Design-Ebene.

In CubeSat-Projekten wird der STM32 häufig als “Brain” im OBC eingesetzt oder als Controller in Subsystemen wie EPS (Power), ADCS (Attitude Determination and Control), Kommunikationsmodulen oder Payload-Frontends. Beispiele, die öffentlich dokumentiert sind, zeigen den STM32 in OBC-Konzepten und Studienumgebungen, etwa bei der Entwicklung bzw. Portierung von Flight-Software auf STM32H7-Plattformen oder bei STM32-basierten OBC-Ansätzen für Kleinsatelliten.

Deutschland als CubeSat-Standort: Hochschulen, Vereine, Programme

Deutschland verfügt über eine bemerkenswert aktive Kleinsatellitenlandschaft. Hochschulen und Forschungsgruppen nutzen CubeSats, um Systeme zu erproben, Nachwuchs auszubilden und Technologien schneller zu validieren als in klassischen Großmissionen. Ein guter Einstieg in das Hochschul-Ökosystem ist die Kleinsatelliteninitiative deutscher Hochschulen, die den Ausbildungs- und Missionskontext in Deutschland bündelt. Auf institutioneller Seite bietet das DLR einen breiten Überblick über Kleinsatelliten als Forschungs- und Transferfeld, inklusive aktueller Themen und Missionen (siehe DLR-Seite zu Kleinsatelliten sowie DLR-Rubrik Kleinsatelliten in der Raumfahrttechnik).

Konkrete deutsche CubeSat-Projekte sind ebenfalls öffentlich beschrieben, etwa der 3U+ CubeSat SOURCE der Universität Stuttgart (Institut für Raumfahrtsysteme – SOURCE bzw. ergänzend KSat Stuttgart – Projektseite). Solche Projekte sind typische Einsatzfelder, in denen moderne Mikrocontrollerarchitekturen mit professioneller Systemtechnik zusammenkommen.

Typische STM32-Rollen im Satellitensystem

In einer CubeSat-Architektur werden Funktionen oft auf mehrere Rechner verteilt, statt alles auf einer einzigen CPU zu bündeln. Das erhöht Robustheit, vereinfacht Integration und reduziert Fehlerrisiken. Häufige Rollen für STM32-Controller sind:

  • On-Board-Computer (OBC): Missionslogik, Task-Scheduling, Telecommand/Telemetry, Datenmanagement.
  • Subsystem-Controller: EPS-Controller (Laden, Power-Rails, Schutzfunktionen), Thermal-Controller, Antennen-Auslösung.
  • Payload-Controller: Vorverarbeitung von Sensordaten, Trigger-Logik, Kompression/Filterung.
  • Kommunikationspfad: Interface zwischen Transceiver/Modem und Bordnetz, Paketierung, Fehlerschutz.

Gerade beim OBC ist es üblich, eine klare Trennung zwischen “Housekeeping” (kritische Basisfunktionen) und experimenteller Payload-Logik vorzusehen. So kann ein konservativer STM32-Controller den sicheren Betrieb gewährleisten, während leistungsintensivere Experimente separat laufen. In DACH-Projekten findet man dokumentierte Beispiele für einen STM32 als zentralen Controller im (C)OBC-Kontext, inklusive OS-Stack und Subsystemstruktur (z. B. im Umfeld studentischer CubeSats).

Hardwareauswahl: Welche STM32-Familie passt zu welchem Satelliten?

Die “beste” STM32-Familie hängt in der Raumfahrt nicht nur von Leistung und Peripherie ab, sondern auch von Temperaturbereich, Energieprofil, Verfügbarkeit und Integrationsrisiko. Eine pragmatische Zuordnung sieht so aus:

  • STM32L4/U5: Sehr energieeffizient, gut für Always-on-Telemetrie, EPS-nahe Controller, Low-Power-Payloads.
  • STM32F4/F7: Solide Allrounder mit hoher Community-Dichte, gute Wahl für viele OBC- und Subsystemaufgaben.
  • STM32H7: Hohe Rechenleistung und Bandbreite, geeignet für anspruchsvolle Datenpfade, Signalverarbeitung, komplexe Missionslogik.

Wichtig ist, früh zu klären, welche Interfaces wirklich benötigt werden: SDMMC für Massenspeicher, mehrere SPI-Busse für Sensorik, redundant ausgelegte UARTs, ggf. Ethernet für Teststände. In vielen CubeSat-Projekten wird zudem ein externer Speicher (QSPI/OSPI-Flash oder MRAM) eingesetzt, um Logdaten sicher zu persistieren.

Robustheit durch Architektur, nicht durch Hoffnung

STM32 sind in der Regel keine rad-hard Komponenten. Daher entsteht Zuverlässigkeit primär durch Systemdesign: Redundanz, Watchdogs, Brownout-Handling, Speicherprüfungen, Fehlergrenzen, Recovery-Strategien und “safe modes”. Wer diese Prinzipien konsequent umsetzt, kann auch mit COTS-Komponenten (Commercial Off-The-Shelf) stabile Systeme aufbauen – allerdings mit sauberer Risikoanalyse und Teststrategie.

Strahlung & Single Event Effects: Was muss man realistisch beachten?

Im Low Earth Orbit (LEO) wirken auf Elektronik vor allem ionisierende Strahlung (Total Ionizing Dose, TID) und Single Event Effects (SEE), also einzelne Teilchenereignisse, die z. B. Bitflips, Latchups oder temporäre Fehlfunktionen auslösen können. Für die Bewertung sind Standards und Leitfäden entscheidend. Eine fundierte Einstiegsstelle ist die Übersicht zu ESA/ESCC-Strahlungsstandards und Testmethoden auf ESCIES (ESCC Radiation Standards). Für kleine Missionen und COTS-Ansätze sind außerdem Methodiken zur Strahlungsabsicherung unter Budgetrestriktionen relevant (z. B. CORHA-Ansätze, siehe ESA-Präsentationsmaterial zur COTS-Radiation-Screening-Methodik).

Praxisnahe Konsequenzen für STM32-Designs:

  • ECC und Prüfsummen für Speicherinhalte, insbesondere für Massenspeicher und Dateisysteme.
  • Periodische Speicher-Scrubs (RAM-Tests, CRC über Flash-Segmente, Wiederherstellung aus “golden image”).
  • Watchdogs & Reset-Strategien mit definierter Bootkette und “Safe Mode”.
  • Latchup-Schutz durch strombegrenzte Rails, Power-Switches und Telemetrie auf Strompfaden.
  • Redundanz (z. B. Dual-OBC oder separater “Housekeeping”-Controller).

Für die Abschätzung der Umgebung existieren öffentlich verfügbare Übersichten zu LEO-Strahlungsumgebungen, die bei der Missionsplanung helfen können (z. B. NASA-Material zu LEO-Radiation-Designumgebungen in frei zugänglichen Dokumenten). Solche Quellen ersetzen keine missionsspezifische Analyse, zeigen aber, warum Schirmung, Bauteilauswahl und Fehlerbehandlung zusammen gedacht werden müssen.

Kommunikation und Bordnetz: Protokolle, Paketierung, Fehlertoleranz

Ein CubeSat ist ein verteiltes System. Zwischen OBC, EPS, ADCS und Payloads braucht es ein Bordnetz, das robust gegen Störungen ist. In der Praxis werden häufig serielle Busse (UART, SPI, I2C) oder CAN-ähnliche Topologien genutzt. Darüber liegt typischerweise ein leichtgewichtiges Paketprotokoll mit Sequenznummern, CRC und Timeouts. Ziel ist nicht maximale Eleganz, sondern vorhersagbares Verhalten bei Fehlern.

Für den Downlink werden Daten oft in Frames mit klar definierten Grenzen gepackt. Eine nützliche Faustformel für die Netto-Datenrate ist:

R = B × η

Hier steht R für Netto-Datenrate, B für Brutto-Bitrate des Links und η für den Effizienzfaktor (Overhead durch Protokoll, FEC, Header, Retransmits). Gerade in studentischen Missionen wird der Effizienzfaktor oft unterschätzt – sauberes Framing und konsequente Telemetrie-Reduktion zahlen sich schnell aus.

Software-Stack: Von Bare-Metal bis RTOS

Auf STM32 in Satellitenprojekten sieht man drei typische Softwareansätze:

  • Bare-Metal für kleine Subsysteme mit klaren Echtzeitanforderungen.
  • RTOS (z. B. FreeRTOS, RIOT, RODOS) für OBC-Funktionen mit mehreren Tasks, Queues und deterministischem Scheduling.
  • Hybrid: Kritische Funktionen bare-metal-nah, darüber modulare Services.

Wichtig ist weniger die Ideologie, sondern eine saubere Fehlerisolation: Treiberfehler dürfen nicht die Missionslogik zerstören, Logikfehler dürfen nicht den Funk blockieren, und ein Deadlock darf nicht zum “Zombie-Satelliten” führen. Dokumentierte Arbeiten aus dem akademischen Umfeld zeigen, dass auch moderne STM32H7-OBCs in CubeSat-Kontexten genutzt werden und Teams dafür gezielt RTOS-Stacks portieren oder evaluieren.

Bootkette und Updatefähigkeit

Selbst wenn Updates im Orbit möglich sind, müssen sie als Risiko behandelt werden. Bewährt sind Dual-Image-Konzepte: ein “golden image” (bewährt, minimal, sicher) und ein “mission image” (funktional, erweiterbar). Fällt das mission image aus, bootet das System automatisch in den Safe Mode. Diese Strategie ist unabhängig davon, ob Secure Boot verwendet wird – sie ist primär ein Betriebs- und Zuverlässigkeitskonzept.

Testen wie in der Raumfahrt: Was STM32-Projekte oft vergessen

Viele STM32-Entwickler sind exzellente Embedded-Ingenieure, unterschätzen aber die Systemtests, die in Raumfahrtprojekten üblich sind. Gerade bei CubeSats sind Tests der entscheidende Erfolgsfaktor, weil im Orbit kaum “Debugging” möglich ist. Eine praxisnahe Testpyramide umfasst:

  • Unit-Tests für Logikmodule (z. B. Paketparser, State Machines, Checksums).
  • Hardware-in-the-Loop mit simulierten Subsystemen, Fault-Injection, Timing-Tests.
  • Thermal-Vakuum-nahe Tests (je nach Projektumfang), um Temperatur- und Druckeffekte zu provozieren.
  • Vibration/Shock nach verfügbaren Ressourcen, mindestens aber mechanische Robustheitschecks.
  • Langzeittests für Speicher, Dateisystem, Watchdog-Recovery und Uptime.

Wer kein Raumfahrtlabor hat, kann dennoch viel erreichen: Temperaturkammern, definierte Spannungsabsenkungen, absichtliche Busfehler, Random-Reboots und speicherstressende Logging-Szenarien. Entscheidend ist, dass Fehler nicht “überraschen”, sondern im Design bereits erwartet und beherrscht werden.

Deutsche Praxisbeispiele: Was man aus öffentlich dokumentierten Projekten ableiten kann

Deutschland (und das nahe DACH-Umfeld) bietet mehrere öffentlich zugängliche Einblicke in Kleinsatellitenentwicklung. Die Universität Stuttgart dokumentiert mit SOURCE eine klassische CubeSat-Entwicklung in Phase C (Detailed Design) und zeigt, wie systematisch Kleinsatelliten heute geplant werden (SOURCE am IRS). In Hochschulkontexten findet man zudem Arbeiten, die konkret STM32H7-OBCs und alternative RTOS-Stacks untersuchen, um die Flight-Software-Entwicklung zu professionalisieren. Zusätzlich existieren offene Entwicklungs- und Simulationsprojekte, die STM32-basierte OBC-Funktionalität nachbilden, um Subsystem- und Payload-Interfaces realistisch zu testen.

Aus diesen Einblicken lassen sich drei robuste Leitlinien ableiten:

  • Früh integrieren: Bordnetz, Funk, Logging und Power-Management so früh wie möglich zusammen testen.
  • Fehler als Normalfall: Reset, Brownout, Bus-Timeouts, Bitfehler und Storage-Probleme müssen “Design Inputs” sein.
  • Dokumentation als Engineering-Tool: Schnittstellen, Zustände, Telemetrieformate und Recovery-Prozesse sind nicht optional.

Design-Checkliste für STM32 im Orbit

  • Power: Strombegrenzte Rails, Telemetrie auf Strom/Spannung, definierte Reset-Domänen.
  • Clocking: Taktquellen mit nachvollziehbarer Stabilität; Fallback-Strategien bei PLL-Problemen.
  • Speicher: ECC/CRC, Wear-Leveling, robuste Dateisystemstrategie, “golden config”.
  • Kommunikation: CRC pro Frame, Sequence IDs, Retransmit-Strategie, Timeouts, Fail-Safe Defaults.
  • Software: Watchdog-Architektur, State Machines, Telemetrie-Mindestumfang im Safe Mode.
  • Security: Signierte Images/Updates, Schlüsselmanagement (sofern Missionsprofil es erfordert).
  • Test: Fault-Injection, Temperaturzyklen, Langzeitlogging, Power-Cycling, Regression-Suite.

Ressourcen für den Einstieg und die Vertiefung

Wer STM32 in einem Raumfahrt- oder CubeSat-Kontext einsetzen möchte, profitiert von einer Kombination aus Systemwissen, Standards und Community-Erfahrung. Für den deutschen Kontext sind insbesondere diese Einstiegsquellen hilfreich:

Typische Anwendungsfälle: Wo STM32 im “New Space” glänzt

STM32-basierte Systeme sind besonders stark, wenn viele Schnittstellen, deterministische Abläufe und gutes Energiemanagement gefragt sind. In deutschen Projekten sind typische Einsatzfelder:

  • Technologiedemonstration: Neue Sensoren, Kommunikationsmodi, On-Board-Datenvorverarbeitung.
  • Bild- und Sensordaten: Vorfilterung, Event-Detektion, Kompression, intelligentes Triggering.
  • Ausbildung: Plattformen, die Studierende an Systemengineering, Embedded-Software und Testmethodik heranführen.
  • Subsystem-Controller: EPS/Housekeeping mit hoher Zuverlässigkeit und klaren Recovery-Prozessen.

Gerade in dieser Kombination – starke Systemtechnik, saubere Fehlerbehandlung und realistische Tests – kann der STM32 in der Raumfahrt überzeugen. Nicht weil er “von Natur aus” ein Raumfahrtchip wäre, sondern weil er als Baustein in einem robusten Gesamtsystem hervorragend funktioniert.

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