Traffic Shaping und Policing sind zwei grundlegende QoS-Mechanismen, die oft verwechselt werden. Beide kontrollieren Bandbreite, aber mit unterschiedlichem Verhalten: Shaping verzögert Pakete und glättet Bursts, Policing verwirft oder markiert Pakete, die ein Limit überschreiten. Für Unternehmens-WAN und VoIP ist Shaping häufig die erste Wahl, weil es Verluste reduziert und Queueing im Router kontrollierbar macht. Policing ist dagegen sinnvoll, wenn du harte Grenzen erzwingen musst (z. B. Provider-Policies, Missbrauchsschutz) oder wenn du Traffic bewusst droppen/remarken willst.
Der Kernunterschied in einem Satz
Shaping puffert und sendet später, Policing zählt und bestraft sofort (drop/mark). Dieser Unterschied entscheidet darüber, ob du Latenz erhöhst (Shaping) oder Paketverlust erzeugst (Policing).
Merker
Shaping = Delay , Policing = Drop/Mark
Traffic Shaping: Was passiert technisch?
Beim Shaping wird Traffic in eine Queue gelegt und so getaktet, dass ein konfiguriertes Durchschnittslimit nicht überschritten wird. Bursts sind kurzfristig möglich, werden aber durch Pufferung „geglättet“. Das ist besonders sinnvoll am WAN-Uplink (Outbound), damit Congestion im Router statt im Provider entsteht.
- Verhalten: Pakete warten (Queue/Delay), statt verworfen zu werden
- Ziel: Bursts glätten, Verluste reduzieren
- Typisch: WAN-Egress (Upload), Parent-Shaper in QoS-Designs
Beispiel: Shaping auf 10 Mbit/s (MQC)
policy-map PM_SHAPER
class class-default
shape average 10000000
Traffic Policing: Was passiert technisch?
Policing misst Traffic gegen ein Token-Bucket-Limit. Wird die Rate überschritten, werden Pakete gedroppt oder auf eine niedrigere Priorität ummarkiert. Policing ist „hart“ und erzeugt bei TCP oft Retransmits, was die effektive Performance verschlechtern kann.
- Verhalten: Überschuss wird gedroppt oder remarkt
- Ziel: harte Limits erzwingen, Missbrauch begrenzen
- Typisch: Provider-Egress/Ingress, Schutzklassen (z. B. Control Plane)
Beispiel: Policing mit Drop bei Überschuss
policy-map PM_POLICE
class class-default
police 10000000 conform-action transmit exceed-action drop
Wann nimmst du Shaping, wann Policing?
Die Entscheidung ist meist betrieblich: Willst du Verluste vermeiden und lieber etwas Latenz in Kauf nehmen (Shaping), oder musst du strikt begrenzen und akzeptierst Drops/Remarking (Policing)?
- Shaping: VoIP/Video, WAN-Uplink, „Provider-Queue vermeiden“
- Policing: harte Vertragsraten (CIR), Ingress-Schutz, DoS-/Scan-Limits
- Policing + Remark: QoS-Klassen disziplinieren, ohne hart zu droppen
Use-Case 1: WAN-Upload kontrollieren (Best Practice: Shaping)
Wenn dein Provider 10 Mbit/s Upload liefert, willst du oft auf z. B. 9,5 Mbit/s shapen. Damit entstehen Queues im Router, in denen LLQ/CBWFQ priorisieren kann. Ohne Shaping kann Congestion beim Provider entstehen, wo dein Router keine Priorisierung mehr kontrolliert.
Parent Shaper + Child QoS (typisches Muster)
class-map match-any CM_VOICE
match dscp ef
policy-map PM_CHILD_QOS
class CM_VOICE
priority 1000
class class-default
fair-queue
policy-map PM_PARENT_SHAPER
class class-default
shape average 9500000
service-policy PM_CHILD_QOS
interface gigabitEthernet0/1
service-policy output PM_PARENT_SHAPER
Use-Case 2: Ingress begrenzen oder Missbrauch reduzieren (Policing)
Ingress-Traffic kannst du nicht „shapen“, weil er bereits angekommen ist. Hier ist Policing üblich: du begrenzt und droppst/remarkst Überschuss. Das wird häufig genutzt, um Gastnetze oder nichtkritische Datenströme zu disziplinieren.
Ingress Policer (Beispiel)
policy-map PM_INGRESS_POLICE
class class-default
police 5000000 conform-action transmit exceed-action drop
interface gigabitEthernet0/0
service-policy input PM_INGRESS_POLICE
Marking statt Drop: Policing mit Remarking (sanfter)
Statt Überschuss zu droppen, kannst du ihn auf einen niedrigeren DSCP-Wert markieren. Downstream-Queues behandeln diesen Traffic dann schlechter, aber ohne sofortige Verluste am Policer.
Beispiel: Exceed → DSCP auf CS1 setzen
policy-map PM_POLICE_REMARK
class class-default
police 10000000 conform-action transmit exceed-action set-dscp-transmit cs1
Throughput und TCP: Warum Policing „langsamer“ wirken kann
TCP reagiert auf Paketverlust mit Congestion Control (Fenster kleiner, Retransmits). Deshalb kann hartes Policing die User-Experience verschlechtern, obwohl „10 Mbit/s“ konfiguriert sind. Shaping erzeugt eher Latenz, aber oft weniger Verlust – und ist daher für TCP-lastige Workloads häufig stabiler.
- Policing erzeugt Drops → TCP reduziert Rate
- Shaping erzeugt Delay → TCP bleibt oft stabiler
- Für VoIP ist Verlust kritischer als moderater Delay (innerhalb Grenzen)
Verifikation: Wie prüfst du, ob Shaping/Policing greift?
Die wichtigste Kontrolle sind Policy-Counter: Matcht die Klasse? Gibt es Drops? Wird remarkt? Zusätzlich prüfst du Interface-Queues und Drops.
Policy-Counter prüfen
show policy-map interface gigabitEthernet0/1
show policy-map interface gigabitEthernet0/0
Interface-Drops prüfen
show interfaces gigabitEthernet0/1 | include drops|queue
show interfaces gigabitEthernet0/0 | include drops|queue
Typische Fehler und Denkfehler
Viele QoS-Konfigurationen scheitern nicht am Syntax, sondern am Ort: Shaping am falschen Interface, Policing outbound statt inbound, oder fehlende Parent/Child-Struktur am WAN.
- Shaping inbound „erwartet“ (geht praktisch nicht sinnvoll)
- Kein Shaper am WAN: Congestion beim Provider, QoS wirkt nicht
- Policing zu aggressiv: unnötig viele Drops, schlechte TCP-Performance
- Klassen matchen nicht (falsches DSCP/ACL)
Quick-Reference: Minimalbeispiele (Copy & Paste)
! Shaping outbound (10 Mbit/s)
policy-map PM_SHAPER
class class-default
shape average 10000000
interface g0/1
service-policy output PM_SHAPER
! Policing inbound (5 Mbit/s)
policy-map PM_POLICE_IN
class class-default
police 5000000 conform-action transmit exceed-action drop
interface g0/0
service-policy input PM_POLICE_IN
Konfiguration speichern
Router# copy running-config startup-config
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